Oldenburg - In einer bewegenden E-Mail hat der Oldenburger Universitäts-Professor Wolfgang Nebel, Vorstandsvorsitzender des Oldenburger Forschungs- und Entwicklungsinstituts für Informatik (Offis), sich mit seinen Gedanken zum Thema Flucht und Vertreibung an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) gewandt. Die Ausführungen des Informatikers haben den Landesvater derart beeindruckt, dass er sie vorige Woche wörtlich in seiner Regierungserklärung zitierte. Weils Rede trug den Titel „Flüchtlinge in Niedersachsen: Weltoffenheit schützen, Herausforderungen annehmen, Chancen nutzen“.
„Offene Grenzen innerhalb der EU sind der größte Erfolg Europas. Wer diesen Erfolg und damit auch die Einigung Europas nicht auf das Spiel setzen will, muss mit allem Nachdruck für eine gemeinsame, faire Flüchtlingspolitik kämpfen“, sagte Weil und zitierte im Anschluss wörtlich aus der Mail von Prof. Nebel: „Lieber Herr Weil, entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie hiermit belästige, aber es bewegt mich einfach: Sind gerade auf unserem Sommersegelurlaub in Symi (kleine griechische Insel) nahe der Türkei. Viele Flüchtlinge aus Syrien – ich nenne sie eher Vertriebene aus ihrer Heimat. Mit einigen haben wir gesprochen. Ein besonders aufgeweckter junger Mann (Chefbuchhalter einer Bank) war Beispiel. Bei solchen Begegnungen werden nüchterne Zahlen zu Menschen und Gesichter zu Stimmen mit sehr persönlichen Tragödien. Viele wollen nach Deutschland über die bekannt gefährliche Route Mazedonien, Ungarn. Wann schafft es die Politik, direkt an der EU-Grenze eine Erfassung und dann für die Vertriebenen mit realistischer Chance auf Anerkennung einen geordneten, legalen und sicheren Weg in ein Zielland zu ermöglichen? Die Vorstellung, dass dieser junge Mann, seine Familie oder andere der sehr bedauernswerten Menschen hier in einem Gefriertransporter ersticken könnten, ist unerträglich!“
Ministerpräsident Weil stimmte Professor Nebel „voll und ganz zu“. „Darum muss es gehen, wenn wir die Probleme lösen wollen“, sagte Weil.
Von Anfang an sei Niedersachsen das Land der Flüchtlinge gewesen. „Nach dem Zweiten Weltkrieg waren mehr als ein Viertel unserer Bevölkerung Vertriebene. Es gibt unzählige Beweise dafür, dass diesen Menschen am Ende ihrer Flucht 1945 in Niedersachsen nicht ausgestreckte Arme begegneten, sondern häufig Distanz und Ablehnung“, betonte der Ministerpräsident. Viele Vertriebene hätten ihre neue Heimat damals als „kalte Heimat“ empfunden. Und das, obwohl es vor allem auch Vertriebene gewesen seien, „die unersetzbare Beiträge zum Wiederaufbau geleistet haben“.
„Heute sind wir wieder mit Menschen konfrontiert, die aus tiefer Not zu uns kommen, die Zuflucht suchen. Heute können wir in Niedersachsen zeigen, dass wir es besser machen. Dass eine wohlhabende Gesellschaft versucht zu helfen, wo sie helfen kann“, appellierte Weil an die Bürger, Flüchtlinge in Niedersachsen mit offenen Armen zu empfangen und sie nach Kräften zu unterstützen.
