BERLIN - Zu Beginn der ganztägigen Sitzung macht Matthias Kleiner einen historischen Ausflug zu den Tonga-Inseln. Der Vorsitzende der Ethikkommission erzählt, dass es vor genau 222 Jahren, am 28. April 1789, dort zur legendären Meuterei auf der Bounty kam. Er erwarte von den 30 geladenen Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft kontroverse Einlassungen zu den Folgen eines schnellen Atomausstiegs – aber ganz so heftig wie damals an Deck müsse es ja nicht zugehen.
„Nichts ist alternativlos“, betont Kleiner, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Das kann als Wink an diejenigen verstanden werden, die nach dem kurzen Innehalten nach der Katastrophe im japanischen Fukushima nun vehement gegen einen überstürzten Atomausstieg kämpfen.
Eon-Chef Johannes Teyssen gehört als Kernkraftwerksbetreiber dazu. Er sieht die Hinterlassenschaft der Atomkraft als nicht besonders großes Problem an. Der im Zwischenlager Gorleben lagernde hoch radioaktive Müll, sagt er, passe dreimal in den Raum im Berliner Beamtenforum an der Friedrichstraße, wo ihn die Kommission am Donnerstag unter der Leitung von Kleiner und dem früheren Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) befragt.
Der bis zum 28. Mai geplante Bericht des 17 Mitglieder starken „Rates der Weisen“ soll Kanzlerin Angela Merkel (CDU) helfen, bis Juni zu entscheiden, wie viele Meiler sofort und bis wann alle der derzeit noch 17 AKW für immer vom Netz müssen.
Teyssen sagt in einer sehr konzentrierten Atmosphäre, er spreche hier nicht nur als Energiemanager mit 20-jähriger Erfahrung, „sondern sehr bewusst auch als Vater von vier Kindern, die in diesem Land aufwachsen und für die ich ethische Verantwortung trage“. Schließlich wohne er mit seiner Familie nur 20 Kilometer entfernt vom Atomkraft Isar I in Bayern.
Die Bundesregierung hatte die Laufzeitverlängerung um im Schnitt zwölf Jahre im Herbst als Brücke bis in das Zeitalter der erneuerbaren Energien bezeichnet. Teyssen sagt nun: „Das Wesen einer Brücke ist nicht, dass sie lang, breit, schmal oder tief ist. Das Wesen einer Brücke ist, dass sie etwas überbrückt. Eine zu kurze Brücke ist eine sinnlose Brücke.“
Der Risikoforscher Ulrich Beck hält als Mitglied der Kommission Teyssen entgegen, dass es keinen ausreichenden Versicherungsschutz gegen Atomunfälle gebe und die Kosten der Gemeinheit aufgebürdet würden.
Der Forscher Eicke Weber vom Freiburger Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme vertritt im Vergleich zu Teyssen das andere Extrem. Schon bis 2017 könne die Atomkraft komplett ersetzt werden, durch den Ausbau von Wind- und Solarenergie sowie von Biomasse und durch den Zubau von Gaskraftwerken. Und das ohne massive Zusatzkosten.
