BERLIN/HANNOVER - Scharfe Schüsse aus der zweiten Reihe: Mit Gerd Andres hat sich ein weiterer einflussreicher Sozialdemokrat in die Diskussion um die Reform der Landes-SPD eingeschaltet. In seinem „Was tun?“ genannten Positionspapier, das dieser Zeitung vorliegt, greift der Ex- Staatssekretär im Arbeitsministerium Landeschef Garrelt Duin und Umweltminister Sigmar Gabriel scharf an.

Andres lobt in seinem zweiseitigen Schreiben das Thesenpapier, das Thomas Oppermann und Stephan Weil vor zwei Wochen vorgelegt hatten. Darin waren konzeptionelle, personelle und strukturelle Fehler der Landespartei angeprangert und mit „sozialdemokratischen Lebenslügen aufgeräumt“ worden. „Die Analyse ist gut – aber was soll nun geschehen?“, fragt der Hannoveraner Andres. „Personell war sowohl die Entscheidung für den wackeren Spitzenkandidaten (Wolfgang Jüttner) als auch die Entscheidung des Landesvorsitzenden (Duin), nicht für den Landtag zu kandidieren, falsch“, konstatiert der 57-jährige konservative „Seeheimer“. Es sei aber nicht richtig, beim Parteitag im Juni die Führungsfrage zu stellen. „Der Landesparteitag darf nicht in einer Selbstzerfleischung oder in einem Trümmerhaufen enden“, warnt Andres.

Es gehe deshalb nicht so sehr um die Person Duin, „sondern darum, dass auf Landesebene stärkere Kompetenzen und mehr Organisationsmacht verankert werden müssen“. Es gebe derzeit keine Niedersachsen-SPD, nur vier Bezirke, von denen „jeder sein Gärtchen hegt und sich nicht reinreden lässt“, sagt Andres und fordert: „Die Bezirke müssen endlich zurecht gestutzt und ein einheitlicher Landesverband gebildet werden.“

Die Frage, wer 2013 für die SPD als Spitzenkandidat in den Landtagswahlkampf zieht, scheint für Andres schon teilweise beantwortet: nicht Duin. Die vom Braunschweiger Bezirkschef Gabriel in einem Interview gemachte Feststellung, Weser-Ems-Chef Duin müsse Landesvorsitzender bleiben, „zeigt seltsame Parallelen mit der Bundesdebatte, bei der kein Mensch Kurt Beck als Parteivorsitzenden in Frage gestellt hat“, schreibt Andres. Auf deutsch: Duin ist nach Andres’ Ansicht als Spitzenkandidat für 2013 ebenso unvermittelbar wie Beck als Kanzlerkandidat 2009. Andres hatte vor einem Monat als erster Beck offen aufgefordert, auf die Kandidatur zu verzichten.

Andres bezeichnet Gabriel als „Teil des Problems“, der „im Gekungel der Bezirksvorsitzenden im Hintergrund die Fäden“ zieht und heftig daran arbeitet, „immer mit Weser-Ems und Braunschweig die Strukturen zu bestimmen“. Gabriel müsse aber mithelfen, Kompetenzen der Bezirke und ihrer Fürsten zu beschneiden.