BERLIN - In der schmucklosen Halle der Berliner Messe herrscht ohrenbetäubender Lärm. Freiwillige Helfer haben Brötchen, Obst und Kekse verteilt. Jetzt sitzen Hunderte junger Menschen dicht gedrängt auf dem Hallenboden, essen, lachen und diskutieren in verschiedenen Sprachen. Insgesamt sollen es bis zu 30 000 sein, die aus ganz Europa und von noch weiter her zum 34. Jugendtreffen der ökumenischen Glaubensgemeinschaft von Taizé gekommen sind. Sie wollen beten, singen und Gemeinschaft spüren – international und jenseits der Konfessionen.

Kaum einer der jungen Menschen hier dürfte wissen, dass Berlin schon einmal Gastgeber eines Taizé-Treffens war. 1986 trafen sich 6000 junge Christen ein Wochenende lang mit den Brüdern aus Frankreich.

Bruder Alois, heute Abt von Taizé und Nachfolger des Ordensgründers Frère Roger, war damals dabei. „Das war etwas ganz Besonderes“ erinnert sich der 57-Jährige, und seine blauen Augen beginnen zu leuchten. „Es war für uns ein Zeichen, dass die Mauer durchlässig ist.“ Drei Jahre später verschwand sie ganz, die Kirchen hatten ihren Anteil daran.

Auch 2011 stehen politische Diskussionen auf dem Programm, aber für die Jugendlichen gibt es Wichtigeres. Das fällt auch dem Abt auf. „Als ich nach Taizé kam, hat uns die Dritte Welt beschäftigt und der Vietnamkrieg“, erzählt er. Heute kämen die Jugendlichen eher mit persönlichen, aber existenziellen Ängsten. „Was soll ich studieren? Was, wenn ich keine Arbeit finde? Das beschäftigt sie“, sagt der Abt.

In der Berliner Messehalle ist von Sorgen nichts zu spüren, überall wird gelacht. Trotz des babylonischen Sprachgewirrs scheinen sich alle gut zu verstehen. Denn es gibt auch eine gemeinsame Sprache: die Taizé-Gesänge, für viele der Höhepunkt der spirituellen Erfahrung. Eine Gruppe von vier Jugendlichen zieht mit Gitarre durch die Halle, Helferinnen singen mit Hinweisschildern in der Hand, selbst aus den Toilettenräumen sind die eingängigen Melodien zu hören.

Ein paar Hallen weiter gibt es einen „Raum der Stille“. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Junge Frauen und Männer sitzen in sich versunken auf dem Boden, mit gefalteten Händen, die Augen geschlossen. An einem improvisierten Altar brennen Kerzen. „Hier kann ich Gott begegnen“, sagt der 21-jährige Jérémie aus La Rochelle ernst. Aber er sei auch gekommen, um Freunde wiederzusehen. Sein Kumpel David ergänzt lachend: „Und um Silvester mal woanders zu feiern!“