BREMEN - 27 Jahre hat der SPD-Politiker auf der Regierungsbank gesessen: Scherf ist das dienstälteste Regierungsmitglied der Republik.
Von Vera Jansen
und Thomas Hellmold
BREMEN - Der „Lange“, der „große Umarmer“, der „Oma- Knutscher“ – in Bremen weiß jeder sofort, wer gemeint ist. „Ich glaube, es gibt in Bremen niemanden, der von Henning Scherf noch nicht umarmt worden ist“, weiß Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) über seinen alten Parteifreund zu berichten. Scherf gilt als populärer Landesvater zum Anfassen, aber nun fühlt er sich mit 66 Jahren als „Methusalem in der deutschen Politik“ und nimmt seinen Hut.Der Zwei-Meter-Mann Scherf ist nicht nur ein Vollblutpolitiker – er sitzt seit 27 Jahren auf der Bremer Regierungsbank und ist damit das dienstälteste Kabinettsmitglied der ganzen Republik.
Scherf ist auch ein Familienmensch: Ehemann, Vater, Großvater. Auf seinem Schreibtisch im Rathaus stehen die Bilder seiner sechs Enkelkinder. „Da gucke ich jeden Tag drauf und freue mich, dass ich für sie bald mehr Zeit habe“, sagt er mit der Aussicht auf das Rentnerleben.
Scherf lebt in einer Hausgemeinschaft, von der er gern als „meine WG“ spricht, und – in Talkshows genauso oft erwähnt – trinkt am liebsten warmes Wasser. Im Ruhestand will sich Berufspolitiker Scherf bilden: Seine Sprachkenntnisse in Englisch, Spanisch und Französisch vertiefen und endlich kochen lernen. „Und ich will mir einen uralten Traum verwirklichen und mit dem Fahrrad ums Mittelmeer radeln.“ Der passionierte Radler fiel schon immer dadurch auf, dass er oft in der Stadt ohne Leibwächter auf zwei Rädern unterwegs war – für die allermeisten anderen Länder-Regierungschefs undenkbar.
Für Bremen und für seine SPD tut Scherf fast alles. So übernahm er nach der vorgezogenen Bürgerschaftswahl 1995 das Amt des Regierungschefs in einer Koalition von SPD und CDU. Dabei war das damals nicht sein Wunsch, er beugte sich aber dem Votum einer SPD-Mitgliederbefragung. Seit nunmehr zehn Jahren hält dieses Bündnis und der „Lange“ galt stets als Garant für eine konstruktive und erfolgreiche Zusammenarbeit. Da kommt die CDU nicht umhin, ihm uneingeschränktes Lob zu zollen. „Er hat mit seiner Ausstrahlung dieses Bündnis popularisiert, mit Umsicht und Fingerspitzengefühl sein Amt ausgeübt, und er war für die CDU immer ein fairer Partner“, lobte Landeschef Bernd Neumann.
Dass Scherf einmal ein überzeugter Großkoalitionär sein würde, hätten wohl die wenigsten seiner Parteigenossen für möglich gehalten. Denn er galt lange Zeit als Symbolfigur der Linken. Heute ist Scherf mehr Vermittler und Schlichter. „Wenn man sich verständigen will, kann man sich doch nicht gegenseitig umbringen“, sagt er. Beide Seiten müssten aufeinander zugehen. Sein Verhandlungsgeschick bewies er auch 2003 in Berlin als Vorsitzender im Vermittlungsausschuss zur Steuerreform. Die Einigung brachte Scherf überregionale Anerkennung und Popularität. Seitdem wurde er mehrfach für bundespolitische Ämter gehandelt.
Doch der überzeugte Hanseat winkte stets ab.
