Lüneburg - 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz hat der angeklagte SS-Aufseher Oskar Gröning vor Gericht seine moralische Mitschuld am Massenmord in dem Konzentrationslager eingeräumt. Vor dem Landgericht Lüneburg legte der 93-Jährige am Dienstag zu Prozessbeginn ein Geständnis ab. Er muss sich wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen verantworten. Mit einer für die anwesenden Auschwitz-Überlebenden erschütternden Offenheit schilderte er seine damalige Begeisterung für den Nationalsozialismus sowie die barbarischen Verbrechen in dem Lager.

„Für mich steht außer Frage, dass ich mich moralisch mitschuldig gemacht habe“, sagte Gröning. „Über die Frage der strafrechtlichen Schuld müssen Sie entscheiden.“ Heute bereue er sein Handeln in Demut vor den Opfern.

In seiner zweistündigen Aussage räumte Gröning alle Vorwürfe der Anklage ein. Gleich bei seiner Ankunft in Auschwitz habe er von der Vergasung der Juden erfahren. Demnach half er im KZ Auschwitz-Birkenau, Geld aus dem Gepäck der Häftlinge wegzuschaffen, um es an die SS weiterzuleiten.

Der gelernte Bankangestellte, der sich freiwillig der Waffen-SS anschloss, wurde später auch „Buchhalter von Auschwitz“ genannt. Sollte Gröning verurteilt und für haftfähig erklärt werden, erwartet ihn eine Strafe von mindestens drei Jahren. Gröning steht erst jetzt vor Gericht, weil die Justiz bis 2011 darauf bestand, dass KZ-Aufsehern eine direkte Beteiligung an den Morden nachgewiesen werden muss. Ermittlungen gegen ihn waren daher 1985 eingestellt worden.

Vom Einsatz der SS in den Konzentrationslagern habe er nichts gewusst, als er sich freiwillig für die SS gemeldet habe. Erst bei der Ankunft in Auschwitz hätten Kameraden ihm erklärt, dass dort Juden „entsorgt“ würden und er sei erschüttert gewesen. Dennoch habe er die Vernichtungsmaschinerie zunächst durch die Nazi-Propaganda begründet gesehen, die die Juden zu einer Bedrohung des deutschen Volkes erklärt hatten. „Wenn die Juden unsere Feinde sind, ist es Teil des Krieges, dass sie erschossen werden“, habe er sich gedacht. Dass er den todgeweihten Menschen damals massenhaft das Geld raubte, habe er nicht hinterfragt. „Sie brauchten es ja nicht mehr.“

Zu einem Bruch mit der Nazi-Ideologie sei es gekommen, als er die Barbarei hautnah miterlebte. So wurde der 93-Jährige Zeuge einer Vergasung und hörte die Schreie der Opfer. Nachdem er sah, wie ein SS-Mann ein Baby gegen einen Lkw schlug und tötete, habe er Vorgesetzte eingeschaltet und um seine Versetzung an die Front gebeten, schilderte Gröning.

Anwälte von Nebenklägern brachten auch eine Mittäterschaft Grönings an den Morden ins Gespräch. In einem früheren Prozess gegen Kameraden habe er als Zeuge ausgesagt, regelmäßig an der Rampe Dienst gehabt zu haben, wo die Juden zur Vergasung und Zwangsarbeit aufgeteilt wurden.