Jerusalem - Es sind wegweisende Zeiten, in denen Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil den Nahen Osten besucht: In Israel wird in wenigen Tagen ein neuer Präsident gewählt, und die jahrelang verfeindeten Organisationen Fatah und Hamas wollen eine palästinensische Einheitsregierung bilden.
Zwischen dem Gedenken an den Holocaust und der aktuellen Tagespolitik bewegte sich Weil am Sonntag in Jerusalem. So traf er den nimmermüden Optimisten Schimon Peres, rund eine Stunde nahm sich der 90 Jahre alte Staatspräsident Zeit – und das in lockerer Atmosphäre: „You understand English (Verstehen Sie Englisch)?“, fragte Peres. Und Weil meinte trocken: „Hopefully, I’ll do my best (Ich hoffe doch, ich werde mein Bestes versuchen).“ Er war einer der letzten deutschen Politiker, für den sich Peres ausgiebig Zeit nahm, denn in wenigen Wochen gibt er sein Amt ab.
Geht es nach Weil, sehen sich beide Politiker schon in knapp einem Jahr wieder. Der SPD-Politiker lud Peres ein, die Rede zur Feier des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen zu halten. Peres freute sich und kündigte an, die Einladung prüfen zu lassen. Sollte er wirklich nach Niedersachsen kommen, ist von einem international viel beachteten Ereignis auszugehen.
Wenige Wochen nach der heiklen Türkei-Reise ist Weil bis Dienstag erneut auf schwierigem Pflaster unterwegs – und das gleich bei seinem ersten Israel-Aufenthalt überhaupt. Der 55-Jährige weiß, dass nur ein unbedachtes Wort eines deutschen Politikers schnell zu Verstimmungen im Verhältnis der beiden Länder führen kann. Er will deshalb vor allem zuhören und auch die feste Verbundenheit Deutschlands mit dem jüdischen Staat unterstreichen. Das geht nicht ohne einen Besuch der bedrückenden Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Sie erinnert an den Massenmord an den Juden während der Nazi-Herrschaft – sechs Millionen starben, darunter 1,5 Millionen Kinder. Nach dem Rundgang durch die eindrucksvolle und aufwühlende Dokumentation gab sich Weil ungewohnt wortkarg: „Nach dieser Führung habe ich in erster Linie das Bedürfnis zu schweigen. Das geht tief unter die Haut.“
Begleitet wird der SPD-Politiker nicht wie sonst üblich vor allem von einer Vielzahl von Unternehmern und Politikern, sondern auch von fünf Schülern aus Barsinghausen und Alfeld. Zwei von ihnen sind so wie der Ministerpräsident erstmals in Israel.
Mit dem Holocaust sind sie im Ausland aber schon konfrontiert worden, so bei einem Besuch in den USA. „Da hatte ich oft das Gefühl, dass man sich für die Geschichte entschuldigen muss“, erinnerte sich die 18-Jährige Marie Stockmar aus Alfeld. In Israel saugt die Gymnasiastin alle Eindrücke intensiv auf, um mehr zu verstehen über die komplizierte Lage in Nahost und das besondere deutsch-israelische Verhältnis.
