Schön, dass ich mit Ihnen über das Lügen sprechen kann. Sie sind der Einzige, der meine Fragen dazu kompetent beantworten kann.

HeubrockNetter Versuch. Aber das ist komplett gelogen.

Wie kommen Sie darauf?

HeubrockWeil ich weiß, dass ich nicht der Einzige bin, der etwas Fundiertes zu diesem Thema beitragen kann. Ich könnte allerdings bewusst ignorieren, dass Sie gelogen haben und mich von dem Kompliment unheimlich geschmeichelt fühlen.

Weil Sie etwas besser wissen, haben Sie mich beim Lügen erwischt?

heubrockGenau. Eine Lüge lässt sich nur mit Wissen enttarnen. Doch selbst wenn ich eine Lüge als solche entlarvt habe, kann ich mich bewusst dazu entscheiden, ihr zu glauben. Denken Sie an das Kompliment, dass Sie jemandem für sein besonders schönes Aussehen machen, der eher keiner gängigen Schönheitsnorm entspricht. Mit einem Blick in den Spiegel wäre Ihre Lüge enttarnt. Das Anerkennen der Wirklichkeit wäre allerdings schmerzhaft. Dieser Mensch könnte vielleicht mit der Lüge besser leben – und wird sie am Ende möglicherweise für die Wahrheit halten.

Warum lügen wir überhaupt dutzende Male am Tag? Warum sagen wir uns nicht einfach die Wahrheit?

HeubrockWeil wir dann nur noch Ärger hätten. Die Wahrheit würde unsere bekannte Welt auseinanderbrechen lassen. Mit einer Lüge kommen wir einfach besser davon.

Wie bitte?

HeubrockWas sagen Sie Ihrer Frau auf die Frage, wie das völlig verkochte Essen geschmeckt hat? Oder was sagen Sie dem Arbeitskollegen, der Sie jeden Morgen fragt wie es Ihnen heute geht? Wenn Sie sich in beiden Fällen dazu entscheiden, nicht die Wahrheit zu sagen, ersparen Sie sich zumindest weitere Nachfragen, auf die Sie keine Lust haben. Diese sogenannten sozialen Lügen sind der Schmierstoff der Gesellschaft.

Wir lügen also, um des lieben Friedens Willen. Ein wenig schmeichelhaftes Motiv.

HeubrockDas ist ja längst nicht alles. Wir benutzen die Lüge, um komplizierte Wirklichkeiten so einfach wie möglich zu machen. Nämlich so, dass wir sie handhaben können. Für viele Menschen ist die Welt mittlerweile zu kompliziert, zu anstrengend geworden. Es ist dann zu schwer, die Lüge mit einer Kontrolle der Wirklichkeit entlarven zu können. Deswegen folgt man oft den einfachsten Wahrheiten.

Ich wünschte mir, das wäre gelogen.

HeubrockDas kann ich mir in Ihrem Fall besonders gut vorstellen. Ihre Aufgabe als Journalist ist es, die Wahrheit aus dem Meer von Lügen herauszufiltern. Und wenn Sie das tun gibt es Vorwürfe, Sie würden lügen.

Lügenpresse.

heubrockGenau. Sie rütteln an einer, sagen wir mal, einfachen Wahrheit. Und was lösen Sie damit aus? Sie bedrohen das Konzept von jemanden, der die Welt nur noch mit dieser Hilfskonstruktion begreifen kann. Da rühren Sie an existenziellen Fragen.

Und Vorurteilen wie: Alle Terroristen sind Muslime!

HeubrockDas ist ein besonders gutes Beispiel. Wenn Sie etwas über einen Terroristen hören, dann haben Sie mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Bild eines eher dunkelhäutigen, dunkelhaarigen, bärtigen und muslimischen Mannes mittleren Alters im Kopf. Das ist nur ein Stereotyp und trifft in vielen Fällen gar nicht zu. Es könnte auch ein Chinese sein, der ein Attentat verübt hat, oder ein Deutscher. Sie müssten im Prinzip jeden einzelnen Fall von Terrorismus gesondert anschauen. Das ist aber viel zu kompliziert und schlicht nicht machbar. Stereotypen machen die Welt für uns handhabbarer.

Aber nicht unbedingt wahrhaftiger.

HeubrockNein.

Donald Trump lässt grüßen. Alternative Fakten, Fake News. Macht Ihnen das keine Angst?

HeubrockDoch, das tut es. Vor allem weil es für dieses Problem keine Lösung geben wird. Im Übrigen sind alternative Wahrheiten nichts anderes als Lügen. Und die sind so alt, wie der Mensch selbst. Denken Sie an den Sündenfall, der in der Bibel beschrieben wird. Um den paradiesischen Zustand nicht zu gefährden, sagen Adam und Eva nicht die Wahrheit. Trump ist also weder neu, noch ein Einzelfall.

Die Renten sind sicher!

HeubrockNiemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten! Nirgends wird so viel gelogen, wie in der Politik und in Wahlkämpfen. Ich erinnere mich noch genau an die legendäre Pressekonferenz von Uwe Barschel...

...der ehemalige Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, der unter anderem wegen der vermeintlichen Bespitzelung seines Kontrahenten Björn Engholm in der Kritik stand...

HeubrockExakt. Barschel hat dementiert, dass er schmutzige Tricks angewandt hat. Sein Ehrenwort hat er gegeben. Wenig später war er überführt und sein Amt los.

Kann man einen Lügner eigentlich irgendwie erkennen? Pinocchio wuchs ja angeblich eine riesige Nase.

HeubrockBei ungeübten Lügnern kann man tatsächlich an der Körpersprache erkennen, wenn sie gerade nicht die Wahrheit sagen. Bei meiner Arbeit als Gutachter vor Gericht kann ich das gut beobachten. Wenn Sie lügen, steigt Ihr Stressniveau. Sie haben Angst, entlarvt zu werden. Sie werden vielleicht rot im Gesicht, ihr Herz beginnt schneller zu schlagen, Sie fassen sich plötzlich dauernd ins Gesicht oder spielen mit Ihrem Kugelschreiber herum. Ein geübter Lügner kann solche Mechanismen allerdings kontrollieren.

Blutdruck und Puls klettern beim Lügen in die Höhe. Wer lügt lebt ungesund?

HeubrockDas Stressniveau sinkt ja sehr schnell wieder ab. Anders ist es natürlich, wenn Sie sich eine Lebenslüge aufgebaut haben. Da kann man schon feststellen, dass es zu Depressionen, Schlaflosigkeit und weiteren gesundheitlich schwierigen Situationen kommen kann. Dann sollte man lieber reinen Tisch machen.

Herr Heubrock, ich danken Ihnen für dieses Gespräch.

Heubrock Ich Ihnen auch. Übrigens:Nie zuvor bin ich so kompetent zum Thema Lügen befragt worden... (lacht)