DINKLAGE/MüNSTER - DINKLAGE/MÜNSTER/KNA - 60 Jahre nach dem Tod des in Dinklage (Landkreis Vechta) geborenen Münsteraner Kardinals Clemens August Graf von Galen bleibt dessen Haltung zu Krieg, Demokratie und Judenverfolgung umstritten. Dies wurde bei einem Symposium der Bistumsakademie in Münster deutlich.
Bei der positiven Bewertung des Frankreich- und Russlandfeldzuges habe von Galen auf eine Jahrhunderte alte Theologie zum Krieg zurückgegriffen, sagte Christoph Köters von der Kommission für Zeitgeschichte der Deutschen Bischofskonferenz. Den Kampf gegen die Sowjetunion interpretierte er als Befreiung des russischen Volkes vom gottlosen Bolschewismus. Erst nach und nach habe von Galen gelernt, dass die alten Erklärungsmuster angesichts unsagbarer Verbrechen nichts mehr taugten.
Für den Speyerer Parteienforscher Rudolf Morsey steht fest, dass von Galen der Weimarer Republik mit großem Widerwillen begegnete und Volkssouveränität und Mehrheitsprinzip ablehnte. Zumindest von 1933 bis 1934 habe er die neue NS-Obrigkeit und ihren Kampf gegen Liberalismus, Marxismus und Gottlosigkeit begrüßt und die Katholiken zur Mitarbeit im neuen Staat aufgerufen.
Auch für den Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf und den Nationalsozialismus-Experten Hans-Ulrich Thamer ist klar, dass der spätere Kardinal einen ungeheueren Lernprozess durchmachte, weithin im autoritären Denken verhaftet blieb und als Gesellschaftsordnung eine Monarchie oder einen Ständestaat bevorzugte. Um so stärker sei dann die Kehrtwende von 1941 zu bewerten, die ihn zum öffentlichen Protest gegen Menschenrechtsverletzungen durch den NS-Staat bewogen habe.
Zu den ausgebliebenen Protesten gegen die Judenvernichtung erneuerte der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff seine These, dass Galen sich nicht öffentlich geäußert habe, weil er negative Konsequenzen für die Juden fürchtete. Er habe aber dem Münsteraner Rabbiner Hilfe angeboten und sei durch seine Verurteilung der NS-Rassen-Ideologie ein Hoffnungsträger für viele Juden gewesen.
