DSCHIBUTI - Bei 35 Grad im Schatten muss man schon mal vom Protokoll abweichen. Die Jacketts bleiben im Auto!, entscheidet Thomas Kossendey und krempelt die Hemdsärmel hoch. Für die Piratenbekämpfung muss heute eine Krawatte reichen.
Ougoureh Kifleh Ahmed wartet bereits in seiner kahlen Ministerhinterhofkammer auf den Deutschen. Der 55-Jährige sitzt mit seiner violetten Krawatte auf einem abgewetzten Ledersessel, hinter ihm spalten Risse die fleckige Wand. Ein altersschwacher Ventilator schlägt hilflos dürre Schneisen in die Hitze. Die warme Zeit hat begonnen, sagt Kifleh Ahmed freundlich. Kossendey lächelt, er weiß: In Dschibuti ist immer warme Zeit, selbst im Januar sinken die Temperaturen fast nie unter 25 Grad.
Bittere Armut
Einige hundert Meter weiter, im Hafen von Dschibuti, liegt die deutsche Fregatte Niedersachsen, Heimathafen Wilhelmshaven, noch ein Stückchen weiter, am Flughafen, steht der deutsche Seefernaufklärer P-3C Orion aus Nordholz. Knapp 300 deutsche Soldaten sind zurzeit in Dschibuti stationiert, sie sind Teil der EU-Operation Atalanta. Ihr offizieller Auftrag: Sie sollen die Schiffe des Welternährungsprogramms vor Piratenangriffen schützen.
Aber für eine erfolgreiche Piratenbekämpfung braucht man eben nicht nur Kriegsschiffe, sondern auch Krawatten. Denn Schiffe brauchen einen Hafen und die Republik Dschibuti hat den einzigen nutzbaren Hafen in der krisengeschüttelten Region.
Kossendey, CDU-Politiker aus dem Ammerland und Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium, reist deshalb regelmäßig in den ostafrikanischen Kleinstaat. Diesmal hat er eine hochkarätige Delegation mitgebracht: Niedersachsens Justizminister Bernd Busemann (CDU) begleitet ihn, der Patenonkel der Fregatte, so Kossendey, außerdem die beiden CDU-Abgeordneten Hans-Werner Kammer aus Zetel und Ingo Gädechens aus Fehmarn. Die Männer schwitzen, draußen steigt die Luftfeuchtigkeit gerade auf 80 Prozent. Sie setzen sich auf die alten Ledermöbel in der Hinterhofkammer, der höfliche Teil beginnt: Kifleh Ahmed, ein ehemaliger Rebell, ist der Verteidigungsminister der Republik Dschibuti.
Dschibuti ist kein sehr sympathischer Ort. Laut CIA-Lagebericht sind gut 60 Prozent der 800 000 Einwohner arbeitslos, ein großer Teil ist obdachlos, es herrscht bittere Armut.
An der Straße stehen kleine Bretterverschläge, Frauen verkaufen dort grüne Pflanzen: Khat. Der Khatstrauch ist eine Droge, man kaut ihn, wird kurz euphorisiert und später teilnahmslos. Ein Großteil der Bevölkerung in Dschibuti gilt als Khat-süchtig, man erkennt es an den gelben Zähnen.
Minister Kifleh Ahmed beruhigt die deutschen Besucher: Die arabischen Unruhen haben uns nicht erreicht. Er sagt, das liege vor allem an der guten Polizeiarbeit. Andere meinen, es liege vor allem am Khat; sehr viele Menschen in Dschibuti haben gelbe Zähne.
Die Deutschen schenken Kifleh Ahmed ein Porzellanrelief vom Brandenburger Tor, dann steigen sie wieder in ihre Autos.
24 Schiffe in Piratenhand
Einige Straßen weiter hat Dschibutis Außenminister sein Amtszimmer, es ist nur ein bisschen größer und feiner als das seines Kollegen von der Verteidigung. Mahmoud Ali Youssouf nennt den Deutschen ein paar erschreckende Zahlen: 2010 habe es 268 Piratenangriffe in der Region gegeben, 47 Schiffe seien entführt worden, 24 befänden sich immer noch in der Hand von Piraten. Die Zone, in der Piraten aktiv sind, hat sich ausgedehnt, sagt er. Staatssekretär Kossendey hält zwar jede Statistik zur Piraterie für sehr schwierig, weiß aber: Die Piraterie ist nach wie vor ein großes Problem, trotz der Erfolge von Atalanta.
Die Piraterie ist eine internationale Herausforderung, längst haben daher auch andere Nationen ihr Interesse an Dschibuti entdeckt, zum Beispiel China. Deutschland pflegt seine Kontakte sorgfältig, man bringt nicht nur kleine Geschenke aus Porzellan für die Minister mit, sondern macht auch große: Zuletzt hat eine dreiköpfige Beratergruppe der Bundeswehr unter Oberstleutnant Armin Göpel flächendeckend ein digitales Funknetz ausgebaut. Jetzt gibt es in jedem Dorf ein Funkgerät und eine Solaranlage; in Dschibuti fällt bestimmt zehnmal am Tag der Strom aus.
Die Beratergruppe ist bei der Dschibuti-Polizei untergebracht, im ersten Stock sitzt der Polizeichef in einem kargen Büro, das zugestellt ist mit Pappkartons und Fußballpokalen. Aus dem hintersten Winkel des Landes kann nun Hilfe angefordert werden, lobt er die Deutschen. Die Beratergruppe hat auch bei der Polizeiausbildung geholfen; inzwischen gibt es 2000 Polizisten, das macht einen Polizisten für 400 Einwohner. Der Polizeichef bezeichnet die Deutschen strahlend als gute Freunde.
Große Sorgen
Aber es gibt große Sorgen, Außenminister Ali Youssouf befürchtet, dass ein drohender Bürgerkrieg im nahen Jemen Unruhen auch nach Dschibuti tragen könnte.
Die deutschen Politiker kündigen an, zu Hause das Thema Dschibuti nicht ruhen zu lassen.
Doch noch sind sie ja in Afrika. Es ist später Nachmittag, die Temperatur liegt jetzt knapp unter 40 Grad. Die deutsche Delegation fährt ins klimatisierte Hotel zurück. Morgen will sie die Fregatte Niedersachsen besuchen, der Tag soll noch heißer werden. Auf Krawatten darf verzichtet werden.
