Es mögen ja wirklich böse Zungen sein, die da wispern, dass die Zahl der Zuschauer immer noch wächst, die, wenn Guido Westerwelle auf dem Bildschirm posiert, schnell mal ein Bier holen gehen. An der Intelligenz des Mannes wird niemand zweifeln wollen. Das ist es nicht. Wenn die Deutschen seine öffentlichen Auftritte nur noch schwer ertragen, so erklärt sich das ganz einfach: Der Außenminister ist ein Schönredner.
In diesem Fach tut es ihm keiner gleich. Eben erst haben die Taliban erfolgreich ihre „Frühlingsoffensive“ in die afghanische Hauptstadt getragen, das zweite Mal schon in kurzer Zeit. Ganze achtzehn Stunden brauchten die afghanischen Sicherheitskräfte, um das Kommandounternehmen der Taliban niederzuschlagen. Westerwelles Kommentar: Der Anschlag habe keine Konsequenzen für das deutsche Vorgehen, und die Bundesregierung werde an ihrer Afghanistan-Politik festhalten.
Es darf gefragt werden, was nach zehn Jahren Krieg heute noch die Substanz dieser Politik ist. Unsere Soldaten und ihre NATO-Kameraden helfen, ein Regime an der Macht zu halten, das beim eigenen Volk das Vertrauen verspielt hat. Westerwelle kennt die wirkliche Lage, er rechnet sogar mit „weiteren Rückschlägen“. Seine eiserne Parole heißt „Durchhalten“. Nicht nur bis Ende 2014.
Unser Chefdiplomat hat Präsident Hamid Karsai deutsche Hilfe auch nach dem Abzug der NATO versprochen. Woher nimmt er dafür ein Mandat? Das ist Irreführung des Publikums.
In Washington, in Paris, in London und eben auch in Berlin werden seit einiger Zeit sehr konkrete Pläne für den Abzug der NATO-Truppe beraten. Man weiß heute schon, dass dieses ungemein komplizierte, auch risikoreiche Unternehmen „Raus aus Afghanistan“ weitere Milliarden Dollar und Euro verschlingen wird. Bis dahin, so das Argument unserer Regierung, soll auch die Bundeswehr dabei helfen, die unverändert schwächliche und kaum motivierte Armee des notorischen Windbeutels Hamid Karsai zu einer kampfstarken Truppe auszubilden. Für manche Experten ist das Wunschdenken.
Unsere Männer müssen auch deshalb am Hindukusch ausharren, weil Barack Obama im Kampf um die Präsidentschaft nicht als Weichling dastehen darf. Die Amerikaner müssen unbedingt ein neues Vietnam verhindern, diese nur verdrängte schmachvolle Niederlage. Es geht auch, das ist die Wahrheit, um das Prestige einer Weltmacht.
Bis Ende 2014 werden deshalb noch viele NATO-Soldaten fallen. Das Sterben unter den Zivilisten wird weitergehen, und auch Karsais Soldaten werden die Opfer sein. Ob sich Westerwelle, der Mann der großen Sprüche, dessen bewusst ist?
