Noch ist offen, ob der nächste Präsident Frankreichs Sarkozy oder Hollande heißen wird. Der erste Wahlgang in Frankreich hat uns aber andere, nicht weniger wichtige Gewissheiten gebracht: Die Wahrscheinlichkeit, dass es in der Europa-Politik so weiter gehen kann, wie bisher, geht gegen Null. Die Mehrheit der Franzosen lehnt dies ab. Dies ist zweifellos die wichtigste Erkenntnis aus dem ersten Wahlgang vom letzten Sonntag. Die Unterstützer der Euro-Sparpolitik sind ebenso wie die Befürworter einer Integrationspolitik eine Minderheit.

Der bisherige deutsch-französische Konsens auf diesem Gebiet besteht nicht mehr. Das, was in Deutschland praktisch von allen Parteien als Heilige Kuh behandelt wird, Euro und Integration, wurde in Frankreich von einer deutlichen Mehrheit offen abgelehnt. Sowohl auf dem rechten wie auf dem linken Flügel der französischen Parteienlandschaft ist man entschieden gegen die Fortsetzung dieses Kurses. Nicht nur die „Front National“ auf dem rechten und die „Front Sozialiste“ auf dem linken Flügel opponieren gegen die Fortsetzung der Sparpolitik, die die Regierungschefs der Euro-Staaten mit ihrem Stabilisierungspakt beschlossen haben. Auch Francois Hollande, der Kandidat der Sozialisten, hat schon verkündet, eine Fortsetzung des „harten“ Sparkurses komme für ihn nicht in Betracht. Er werde den Stabilisierungsvertrag neu verhandeln, um ihm ein Investitionsprogramm hinzuzufügen.

Im Klartext heißt das, er will zusätzliche Kredite aufnehmen, so wie alle anderen hoch verschuldeten Euro-Staaten auch. Die Frage, wer das Geld letztlich aufbringen müsste, erübrigt sich. Dafür kommen nur Länder in Betracht, die noch kreditwürdig sind – und das sind vor allem wir, die Deutschen. Dass Frau Merkel eine derartige Zumutung ablehnen würde, ist mehr als unwahrscheinlich. Zur Pflege des deutsch-französischen Verhältnisses ist ihr nichts zu teuer.

Auch Sarkozy hat reagiert; nicht nur indem auch er auf Distanz zu der von Frau Merkel durchgesetzten Euro-Sparpolitik ging, sondern auch durch die Ankündigung seines Innenministers, wieder nationale Grenzkontrollen einzuführen. Wie stark die emotionale Abkehr der Mehrheit der Franzosen von der bisher betriebenen Euro-und Europapolitik ist, zeigt, dass Marine Le Pen, die Chefin der „Front National“ trotz ihrer Verteufelung durch die anderen Parteien als rechtsradikal, den größten Stimmenzuwachs von allen Parteien errungen hat. Ihre Absage an die Europapolitik und an den Euro war am eindeutigsten.

Wichtiger aber als alle Einzelheiten des Wahlergebnisses ist die Erkenntnis, dass es sich um einen politischen Gezeitenwechsel handelt. Die Zeit, in der man mit Europa Wahlen gewinnen konnte, ist fürs erste vorbei. Deshalb wird es spannend, welche Folgen dies für die deutsche Politik hat, zumal ihre Parteien bislang geradezu stolz behaupteten, es gäbe „keine Alternative“ zu dieser Politik. Das mag ja für sie selbst zutreffen – nicht aber notwendigerweise für die Wähler, und auf die kommt es an.