Hannover - Lange blickt Ursula von der Leyen auf die Bühne. Als ob ein unsichtbares Gewicht sie auf den Stuhl fesselt. Die Musik ist längst verklungen. Nur langsam erhebt sich die Verteidigungsministerin, wendet sich nach rechts zu den vielen Trauergästen, geht vorbei an dem großen Porträt ihres verstorbenen Vaters Ernst Albrecht, dem früheren Ministerpräsidenten, der 14 Jahre lang Niedersachsen regiert hat. Vorbei an dem so typischen Lächeln Albrechts: lebensfroh, gewinnend, strahlend – fast als wolle er die rund 450 geladenen Gäste ein wenig aufmuntern. Die 56-Jährige gibt allen die Hand. Das Gesicht ist bleich, die Haare wirken weißer. Hier nimmt eine Tochter Abschied von ihrem Vater. Keine Politikerin.

Nahezu alle Nachfolger Albrechts im Ministerpräsidentenamt nach 1990 sind da: Ex-Kanzler Gerhardt Schröder (SPD), Gerhard Glogowski (SPD), SPD-Chef und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, Alt-Bundespräsident Christian Wulff (CDU) und Stephan Weil (SPD). David McAllister hat am Sonnabend beim Gottesdienst in Burgdorf Abschied genommen. Der Staatsakt vereint an diesem Montag Weggefährten, Parteifreunde, politische Gegner, Angehörige und viele, die dem am 13. Dezember mit 84 Jahren Verstorbenen Dank sagen wollen. Wie die Delegation von Vietnamesen, denen der Ministerpräsident Ende der 70er Jahre mit der Bereitschaft zur Aufnahme in Niedersachsen das Leben rettete, als sie hilflos im südchinesischen Meer trieben. Flüchtlinge vor den Kommunisten, die nach gewonnenem Bürgerkrieg Rache nehmen wollten.

Ob Weil, Landtagspräsident Bernd Busemann („Albrecht hat das Land geprägt wie kein anderer“), Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) oder Rupert Neudeck, der mit seinem Schiff Cap Anamur Tausende Menschen aus dem Meer holte, das sonst den sicheren Tod bedeutet hätte – jeder Trauerredner erinnert an die große humanitäre Geste Albrechts, der Verzweifelten mit Niedersachsen eine neue Heimat bot. „Solidarität ist Nächstenliebe“ – für Weil beweisen diese Worte Albrechts nicht nur dessen „unerschütterlichen christlichen Glauben“, sondern auch eine ungeheure Aktualität angesichts der Flüchtlinge heute. Daran knüpft auch Rupert Neudeck an. „Albrecht konnte die Not von Flüchtlingen nicht ertragen“, sagt Neudeck – und wünscht sich, dass dieses Beispiel Schule macht. Und zu den vielen Enkeln im Saal gewandt, ergänzt der Freund Albrechts: „Sie können stolz auf ihren Großvater sein!“

Für Schäuble zeigt das politische Leben Albrechts nicht nur das Wirken eines „außergewöhnlichen Mannes“, der sich „nie verbiegen ließ“ – auch nicht in den „spannungsträchtigen“ Auseinandersetzungen mit Alt-Kanzler Helmut Kohl (CDU) und mit dem CSU-Chef Franz-Josef Strauß. „Albrecht“, sagt Schäuble, habe immer „auf die Kraft des Diskurses“ gesetzt, niemals auf Phrasen. Für Schäuble ist Albrecht mehr als ein herausragender Ministerpräsident gewesen: „Wir verneigen uns alle vor einem großen Deutschen, einem großen Europäer und einem großartigen Menschen.“ Von der Leyen dankt Schäuble mit einer langen, innigen Umarmung.