Wie immer an diesem Wochenende das Ergebnis des Brüsseler Gipfels von den Akteuren selbst und von einer höchst kritisch gestimmten europäischen Öffentlichkeit beurteilt wird, so ist zweierlei jedenfalls als positiv zu vermerken. Unsere Kanzlerin, die wiederholt versichert hat, dass „niemand in Europa allein gelassen wird“, ist nicht von ihrer Linie abgewichen, dass die bislang schwerste Krise nur gemeistert werden kann, wenn das Übel an der Wurzel angegangen wird. Und gut ist, dass eine für die ganze Europäische Union brandgefährliche Konfrontation mit Frankreichs neuem Präsidenten vermieden wurde.
Im Gegenteil, die Deutsche und der Franzose sind Pragmatiker und kommen augenscheinlich schon gut miteinander aus. Unterschiedliche, von nationalen Interessen bestimmte Positionen hat es seit Adenauer und de Gaulle oft gegeben. Dessen ungeachtet ist die Beziehung zwischen den einst tödlich verfeindeten Nachbarn über die Jahrzehnte immer enger geworden. Ohne ein Hand-in-Hand mit Frankreich geht nichts.
Wie abwegig, dass man Frau Merkel vereinzelt als eine Wiedergeburt von Bismarck mit seiner brutalen Machtpolitik bezeichnet hat. Oder, ganz unsinnig, dass ihr als Bürgerin der untergegangenen DDR überhaupt das Gefühl für Europa abgehe. Wir haben uns Merkels Prophezeiung gemerkt, dass mit dem Euro auch das Schicksal der Europäischen Gemeinschaft auf dem Spiel steht. Das fanden manche dann doch etwas melodramatisch.
Dabei hat die Kanzlerin die Gefahr durchaus realistisch beschrieben. Durch den Gipfel ist sie noch nicht endgültig gebannt. Es wabert hierzulande die Angst, dass eines nicht so fernen Tages, wenn der größte Schirm nicht länger groß genug ist, den Euro zu retten, die hart erarbeiteten Ersparnisse des kleinen Mannes gefährdet sind. Eine mächtige Übertreibung. Gleichwohl, solche Ängste werden von den Propheten des Scheiterns der gesamten Architektur des „Europäischen Hauses“ geschürt.
Wir Deutschen sind es, bitte nicht vergessen, die vom Euro den größten Nutzen ziehen. Natürlich wissen wir, dass die gemeinsame Währung kaum zu erschüttern wäre, wenn es heute schon eine zuverlässig funktionierende Koordinierung der Wirtschafts-, Finanz und Sozialpolitik gäbe.
Keine Sorge, einen Verzicht auf Souveränitätsrechte, am Bundestag vorbei, wird es nicht geben. Mehr Europa, das soll sein. Nur nicht zu Lasten der Substanz unserer Demokratie. Vielleicht, Wolfgang Schäuble hat das angedeutet, müssen irgendwann alle Bürger gefragt werden, wie wichtig ihnen Europa ist und was sie für die große Idee zu opfern bereit sind.
Das hat noch Weile. Europa ist gegenwärtig kein Bestseller. Das kann sich ändern.
