Erfurt/Jena/Oldenburg - Der „Platz der Freundschaft“ im Erfurter Stadtteil Rieth ist eine triste Betonfläche – inmitten von Plattenbauten, Ärztezentrum und Supermärkten. In zwei Wochen werden in Thüringen Stadträte und Oberbürgermeister neu gewählt. Auch im Rieth, mit immerhin rund 6500 Einwohnern, läuft der Wahlkampf auf Hochtouren. Für die Thüringer Grünen gibt es an diesem Wochenende Unterstützung aus dem Westen. Der Oldenburger Alaa Alhamwi (40), Landesvorsitzender der Grünen in Niedersachsen, sowie seine Göttinger Parteifreundin Onyeka Oshionwu sind in dem Viertel an der Seite von Doreen Denstädt (46), Thüringens Ministerin für Migration, Justiz und Verbraucherschutz, unterwegs.
Auf einen Info-Stand haben die Grünen – im Gegensatz zur CDU – auf dem „Platz der Freundschaft“ verzichtet. Tapfer verteilen Alhamwi und weitere Helfer in der heißen Mittagssonne Info-Zettel vor dem Supermarkt. Viele Kunden winken ab. Zur Erfurter Kommunalpolitik kann der Oldenburger wenig sagen.
Polizistin wird Ministerin
Denstädt, die sich als „schwarze Deutsche“ versteht, ist im Erfurter Norden aufgewachsen. Sie war Polizistin und ist im Februar 2023 ins Ministeramt gekommen. Nach der Kielerin Aminata Touré (Grüne) ist Denstädt bundesweit die zweite schwarze Ministerin in einem Landeskabinett. Bei den Grünen gehört sie dem parteiinternen Netzwerk „Bunt/Grün“ an. Mangels Personals hat der Thüringer Landesverband keine eigene AG „Bunt/Grün“. Darum schloss sich Denstädt den Niedersachsen an. Alhamwi sagte ihr spontan Unterstützung im Wahlkampf zu. Erst vor zwei Wochen war eine Gruppe von Oldenburger Grünen in Gera unterwegs, um Wahlplakate aufzuhängen.
Parteipersonal ist knapp. In Thüringen haben die Grünen gerade einmal knapp 1300 Mitglieder, sagt der stellvertretende Bundesvorsitzende Heiko Knopf (35, Jena). In Niedersachsen sind es etwa 13 000.
Denstädt, die auch für den Erfurter Stadtrat kandidiert, nutzt die Zeit für Bürgergespräche. Ein Erfurter, der auf einer Bank am „Platz der Freundschaft“ sein Bier trinkt, bemängelt das Fehlen von Treffpunkten. Die Gewalt im Viertel habe dramatisch zugenommen. Viele Bewohner des Stadtteils würden sich abends kaum auf die Straße trauen. Denstädt überreicht ihre Visitenkarte. Sie wolle sich um das Problem kümmern.
Wahlkampf der Grünen in Thüringen: Alaa Alhamwi (rechzs) aus Oldenburg sieht Max Rechke beim Nistkästenbau über die Schulter.
Stefan Idel
Wahlkampf im Treppenhaus: Alaa Alhamwi (rechts) überreicht einer Hausbewohnerin in Jena einen Info-Zettel.
Stefan Idel
Teambuilding: Eine Mitarbeiterin fotografiert in Jena das Wahlkampfteam der Grünen
Stefan Idel
Spaß im Wahlkampf (v.li.): Max Reschke, Alaa Alhamwi, Kathleen Lützkendorf und Heiko Knopf
Stefan Idel
Vor dem Jentower in Jena: Alaa Alhamwi, Heiko Knopf und Kathleen Lützkendorf
Stefan Idel
Graue Betonwüste: Der „Platz der Freundschaft“ im Erfurter Stadtteil Rieth
Stefan Idel
Plakate ganz oben an der Laterne: Banner der AfD haben in Jena Seltenheit.
Stefan Idel
Aus Beverbruch (Kreis Cloppenburg) nach Erfurt gezogen: Johannes Grote (links) beim Wahlkampfeinsatz der CDU auf dem „Platz der Freundschaft“
Stefan Idel
Miteinander am CDU-Wahlkampfstand im Erfurter Stadtteil Rieth (V.li.): Andreas Horn, Michael Hose (beide CDU), Alaa Alhamwi aus Oldenburg und Ministerin Doreen Denstädt (Grüne)
Stefan Idel
Klingeln an der Haustür: Alaa Alhamwi und Kandidatin Christina Prothmann sind in Jena unterwegs.
Stefan Idel
Infos im Treppenhaus: Alaa Alhamwi (re.) überreicht einer Hausbewohnerin in Jena einen Flyer.
Stefan IdelWahlkämpfer der CDU, allen voran Fraktionschef Michael Hose, verteilen an ihrem Stand Senf sowie Hörnchen mit Marmelade. Eine Streife der Polizei fährt über den Platz. Anhalten müssen die Beamten nicht. „Die Polizeipräsenz rund um die Wahlkampfveranstaltungen hat zugenommen“, weiß Johannes Grote. Der 26-jährige Landschaftsarchitekt stammt aus Beverbruch (Kreis Cloppenburg) und engagiert sich in seiner Wahlheimat für die Union. Stände der AfD seien in Erfurt eher selten. Die Rechtsaußenpartei versuche ihre Themen vor allem über soziale Medien wie TikTok oder Telegram zu streuen, so Grote. Wahlplakate hänge die AfD nur dort auf, wo ihre Wahlchancen hoch seien. Dahinter stecke auch die Sorge, dass die Banner zerstört oder beschmiert werden.
Deutlich besser als in der Thüringer Landeshauptstadt ist die Stimmung bei den Grünen in Jena. Unmittelbar neben dem Frühlingsmarkt in der Innenstadt hat die Ökopartei ihren Stand aufgebaut. Viele Wahlhelferinnen und -helfer sind mit Broschüren unterwegs. Als Alhamwi und seine Parteifreunde ankommen, drückt ihm die grüne Oberbürgermeisterkandidatin Kathleen Lützkendorf (47) gleich ein kreisrundes Schild mit dem Slogan „Am 26.05. Grün wählen“ in die Hand. Parteisprecherin Christina Prothmann und Henriette Jarke organisieren ein Gruppenfoto mit den „Wessis“.
Bau von Nistkästen
Thüringens Grünen-Landesvorsitzender Max Reschke (29), ein Imker, der SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert durchaus ähnelt, organisiert im Schatten des Johannistors in Jena eine Nistkästen-Aktion. Eine friedliche Wahlkampf-Idylle? Wäre hier ein brutaler Angriff, wie ihn der SPD-Europapolitiker Matthias Ecke in Dresden erlebt hat, denkbar?
Durchaus, meint Prothmann, die als Ortsteil-Bürgermeisterin in Jena-Süd kandidiert. Die politische Stimmung habe sich deutlich geändert. Gewaltandrohungen seien keine Seltenheit. Wenn sie verbalen Attacken ausgesetzt sei, schwinge im Kopf immer die Frage mit, wann der Hass in Gewalt umschlägt. „Der Ton wird rauer, auch in Jena“, ergänzt Co-Sprecherin Jarke. „Es gibt eine Verbissenheit, die wir früher so nicht kannten.“ Ihre Wahlplakate hängen die Grünen am Laternenmast meist so hoch wie möglich auf. Parteien wie SPD, CDU und FDP machen es genauso. Einen Info-Stand der AfD sucht man in der Jenaer Innenstadt an diesem Samstag vergebens.
In kleinen Gruppen machen sich die grünen Wahlkämpfer auf zum Haustür-Wahlkampf. „Wichtig ist, nach dem Anklingeln ins Haus zu kommen“, erklärt Prothmann ihrem Parteifreund aus Oldenburg. In etwa jedem zweiten Haus hat das Duo Erfolg. Eine ältere Frau nimmt gern eine Tüte mit Sonnenblumensamen entgegen, nicht aber die Info-Flyer der Grünen. Deutlich freundlicher ist die Mitbewohnerin einer WG. Das Info-Material will sie weiterreichen. Zu langen Diskussionen an der Haustür über die Kommunalpolitik kommt es aber nicht.
„Viele Leute möchten nicht mit uns reden“, bilanziert Alhamwi am Ende der Tour. Die Stimmung sei mies. Wegen der aufgeheizten Stimmung sei es wichtig, dass die Demokratie wehrhaft ist. Die Grünen in den ostdeutschen Ländern benötigen nach seiner Einschätzung im Wahlkampf eine größere personelle Unterstützung. „Zur Landtagswahl am 1. September werden wir in jedem Fall wiederkommen“, verspricht Alhamwi.
