Die Atomkatastrophe in Japan hat die politische Landschaft in Deutschland so kräftig durcheinander gewirbelt, dass man kaum noch folgen kann. Erst mutierte die CDU zur Öko-Partei und jetzt haben auch die Liberalen ihr grünes Herz entdeckt. Beim Landesparteitag in Braunschweig wiesen zahlreiche Redner in der Energiedebatte darauf hin, dass die FDP bereits vor Jahrzehnten den Ausstieg beschlossen habe oder, dass sie ganz persönlich schon immer gegen die Atomkraft gewesen seien. Das wirkt nicht immer glaubwürdig, zeigt aber deutlich den rasanten Wandel in der Energiepolitik

Der Kursschwenk wird besonders bei der Endlagersuche deutlich. Nach einer teilweise hitzigen Debatte überstimmten die Delegierten den Vorschlag des Landesvorstandes. Jetzt soll nach Alternativen zu Gorleben gesucht werden. Vor wenigen Wochen wäre ein solcher Beschluss noch undenkbar gewesen. Mit der kleinen Revolte hat die liberale Basis nicht nur grünen Widerspruchsgeist bewiesen, sie hat auch neuen Schub für die festgefahrene Endlagersuche gegeben. Das stärkt die Position Niedersachsens gegenüber anderen Bundesländern bei der Standortfrage.

Die FDP muss allerdings aufpassen, dass sie sich nicht mit der Atomkritik verzettelt. Für grüne Politik werden die Freidemokraten nicht gewählt. Der künftige Bundesvorsitzende Philipp Rösler hat deshalb mit Bedacht andere Schwerpunkte genannt, auf die sich die Partei künftig stärker konzentrieren muss: Bildung, Bürgerrechte, Kommunales, Steuern. Rösler will das Rad nicht neu erfinden, sondern FDP-Politik wieder glaubwürdiger machen. Man kann es ihm zutrauen. Der Bundesgesundheitsminister genießt in der Partei viel Sympathie. Nach dem kühlen Westerwelle scheint der warmherzige Rösler die richtige Alternative.

Für die Bundesspitze ist der Wechsel sicher ein Gewinn, für die FDP in Niedersachsen aber ein großer Verlust. Auch das war in Braunschweig zu spüren. Wer in Röslers große Fußstapfen treten soll, ist völlig offen. Die Kandidaten Bode, Birkner und Dürr taktieren, loten Stimmungen aus, warten ab. Vieles spricht für ein Duell zwischen Bode und Birkner, doch wenn zwei sich streiten, könnte am Ende Dürr der lachende Dritte sein.