Hannover - Eine ganze Seite reicht nicht aus, die kriminelle Karriere des 63-jährigen Fritz S. aufzulisten. Insgesamt kommt der Hannoveraner auf Urteile, die sich auf 41,3 Jahre Gefängnis summieren. Darunter ein Totschlag, für den der Gewalttäter 9 Jahre hinter Gitter musste. Warum so ein Schwerverbrecher, der wegen seiner Gefährlichkeit in dem Trakt für Sicherungsverwahrte in der Vollzugsanstalt Rosdorf bei Göttingen einsitzt, ausgerechnet mit einer Frau als Begleiterin auf das Riesenfest zur Deutschen Einheit in Hannover darf, bleibt auch Tage nach dem Verschwinden schleierhaft. „Der Fall sollte offenbar zunächst unter der Decke gehalten werden“, vermutet CDU-Fraktionschef Björn Thümler im Gespräch mit dieser Zeitung. Erst eine Anfrage bei der Polizei brachte den Stein ins Rollen.

„Eine hollywoodreife Flucht“, schüttelt der FDP-Rechtsexperte Marco Genthe nur den Kopf über diesen sorglosen Umgang der Justiz. Die Frau konnte dem Mann natürlich nicht auf die Toilette folgen, aus der Fritz S. türmte – und in der Menge verschwand. Seitdem suchen Zielfahnder nach dem Verbrecher. Eine öffentliche Fahndung mit Foto des Gesuchten wurde bislang nicht ausgelöst. Fragen nach dieser Zurückhaltung werden im Justizministerium mit der polizeilichen Zuständigkeit beantwortet, in die man sich nicht einmischen wolle.

Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz kann über den ganzen Vorgang nur den Kopf schütteln. „Die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, dass die Ausgänge von Sicherungsverwahrten mit höchster Sorgfalt vorbereitet und durchgeführt werden. „Das war hier offensichtlich nicht der Fall“, kritisiert die Ressortchefin, die den Rosdorfer Verantwortlichen bereits abgelöst und durch den Psychologiedirektor Griepenberg ersetzt hat, dem bisherigen stellvertretenden Leiter der JVA Hannover. Es reiche eben nicht, so Niewisch-Lennartz, „bloß den gesetzlichen Vorgaben zu genügen“. „Mir geht es nicht um das „Ob“ von Lockerungen, mir geht es um das „Wie“. Dabei muss die Sicherheit der Bürger im Zentrum stehen“, ergänzt die Ministerin.

Der FDP-Rechtsexperte Marco Genthe sieht Niewisch-Lennartz nur wieder als „Ankündigungsministerin“. So sei nichts geschehen nach dem Vorfall von Lingen, als ein entflohener Sicherungsverwahrter eine Vergewaltigung beging. Ähnliches befürchtet Genthe jetzt erneut. „Wir brauchen endlich klare Regeln für den Freigang von Sicherungsverwahrten“, fordert Genthe.