Hannover - Für Ex-Bundespräsident Christian Wulff ist Frank Lüttig nur der „Generalbluffanwalt“. In Wulffs Buch „Ganz oben Ganz unten“ (2014) taucht der Celler Generalstaatsanwalt immer wieder auf und es sind keine Lobhudeleien, die Wulff zu Papier bringt. Auch wenn er ihn nicht direkt beschuldigt, Geheimnisse und Interna über seinen damals bereits mit Freispruch beendeten Korruptionsprozess an Journalisten weitergegeben zu haben – Wulff scheint es zumindest vermutet zu haben.
Denn im Anschluss an verschiedene Darstellungen von Lüttichs Gesprächen mit Medien stellt das frühere Staatsoberhaupt fest: „Die Weitergabe von Dokumenten ist (...) mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bedroht.“ Nun hat die Staatsanwaltschaft Göttingen Ermittlungen gegen den Celler Chefankläger eingeleitet, immerhin Nachfolger des heutigen Generalbundesanwalts Harald Range auf diesem Posten. Der Verdacht: Geheimnisverrat in den Fällen Wulff (CDU) und Sebastian Edathy (SPD).
Knapp ein Jahr nach dem Ende des Wulff-Prozesses ist mit Lüttig (geboren 1960) mindestens eine Schlüsselfigur aufseiten der Staatsanwaltschaft ins Visier der Ermittler geraten. Gegen wen die Justiz in dem Fall noch aktiv ist, will Niedersachsens Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) aus taktischen Gründen noch nicht sagen.
Dem bislang unbescholtenen Juristen Lüttig droht nicht nur ein Strafverfahren, an dessen Ende eine Haft- oder Geldstrafe stehen könnte. Sowohl seine Altersbezüge als auch seine Reputation stehen auf dem Spiel. In Hannover hieß es am Freitag, seine Suspendierung sei nur noch eine Frage der Zeit. Offizielle Stellungnahmen von Lüttig, der derzeit im Urlaub weilt, gibt es keine.
Auch Wulffs einstiger Sprecher Olaf Glaeseker und der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy zählen zu den Prominenten, deren Akten in den vergangenen Jahren über Lüttigs Schreibtisch gingen. Dabei ist die Sachlage im Kinderporno-Verfahren gegen Edathy besonders pikant. Auch Edathy hatte wiederholt über Indiskretionen aus Reihen der Ermittler geklagt.
Dass sich die Entwicklung auf das Verfahren auswirkt, erwartet das Gericht im Moment nicht. „Wir gehen zurzeit davon aus, dass die Ermittlungen keinen Einfluss auf den Prozess haben“, sagt Gerichtssprecherin Katharina Krützfeldt. Edathy selbst hat die jüngste Entwicklung kurz nach Bekanntwerden auch mitbekommen: „No comment“, schreibt er und verlinkt auf seiner Facebook-Seite auf einen entsprechenden Artikel.
Auch mit Blick auf den seit Monaten laufenden Untersuchungsausschuss des Bundestages zur Edathy-Affäre sind die Ermittlungen gegen Lüttig von besonderer Bedeutung. Sein Name steht auch auf einer Liste möglicher Zeugen, die demnächst befragt werden sollen. Gut möglich, dass der Niedersachse nun von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen wird.
