GöTTINGEN - Es war gespenstisch: Dichter Nebel lag über dem Hügelland östlich von Duderstadt, und es war kalt an diesem Novembermorgen 1989 im niedersächsisch-thüringischen Eichsfeld.

DDR-Grenztruppen hatten, wie an anderen Stellen der 1300 Kilometer langen Zonengrenze, am thüringischen Ort Ecklingerode ein kleines Stück der Sperranlagen weggeräumt. Ein Grüppchen von Journalisten und Kommunalpolitikern wartete auf der Westseite des Zaunes darauf, was passiert.

Großes Jubeln

Und dann kamen sie, als habe es nie eine Teilung gegeben. Zuerst sah man Kirchenfahnen, Kreuze und Fackeln, danach einen endlos scheinenden Zug von Menschen. Choräle singend und betend zogen sie an den verdutzten Grenzwächtern vorbei. Auf dem wenige Kilometer langen Weg in „ihre“ Kirchen in Duderstadt fielen sich Fremde jubelnd in die Arme.

„In keiner anderen Region Deutschlands hatte die jahrzehntelange Trennung den Zusammenhalt der Bevölkerung so wenig anhaben können wie in diesem Landstrich“, sagte jetzt der Bürgermeister von Duderstadt, Wolfgang Nolte. „Nirgends vollzog sich der Anschluss an den Westen so schnell. Bei aller Ernüchterung, die inzwischen bei uns eingetreten ist, und bei den Sorgen die wir jetzt haben. Wir haben im gesamten Eichsfeld immer für dieses Ereignis gearbeitet und gebetet.“ Der Lehrer an der katholischen St. Ursulaschule in Duderstadt, Karl-Josef Merten, erinnert sich an die ersten Tage nach dem 9. November. „Hunderttausend Menschen überströmten unsere kleine Stadt. Es ging nichts mehr. Ein qualmender Trabi-Stau bis zur Grenze. Das war eine Freude.“

In seiner 1100 Jahre alten gemeinsamen Geschichte war die katholische Enklave nur die 44 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt. Schon wenige Tage nach dem Mauerfall hatte der frühere Göttinger Oberkreisdirektor Dr. Alexander Engelhardt zu „Regionalkonferenzen“ eingeladen.

Pläne für die Zukunft

Und alle kamen, selbst die Stasi-Mitarbeiter. Sofort wurden Beschlüsse gefasst und im Ausbau des Straßennetzes oder der Trinkwasseraufbereitung zusammengearbeitet. Doch schon im April 1990 demonstrierten DDR-Bürger am ehemaligen Grenzübergang Duderstadt/Worbis gegen den Sozialabbau. Im April war es auch, als NVA-Soldaten, unterstützt vom Technischen Hilfswerk den Metallgitterzaun umrissen.

Heute hat sich die Euphorie gelegt. Inzwischen sind viele Obereichsfelder in den Westen gezogen oder arbeiten in Göttinger Betrieben. Die Arbeitslosigkeit ist überdurchschnittlich hoch. Die Kommunalverwaltungen beider Teile gehen weitgehend wieder ihre eigenen Wege.

Zur Erinnerung an die Trennung soll zum Jahrestag der Pferdebergturm bei Gerblingerode, von dem vor der Wende weit in das Obereichsfeld gesehen werden konnte, nach umfangreicher Restaurierung wieder geöffnet werden. Die ehemaligen Grenzgebäude sind noch immer fast intakt. Ein Grenzlandmuseum, in dem die Zeit der Teilung dokumentiert ist, wurde von beiden Landesteilen eingerichtet.