Keine Sorge, die Erde wird sich weiter drehen, auch wenn in Baden-Württemberg demnächst eine grün-rote Regierung unter einem grünen Ministerpräsidenten das Sagen hat. Ob Anhänger eines solchen bislang auf Landesebene einzigartigen Bündnisses oder politischer Gegner – beide Seiten haben nun erstmals die Chance, im rauen Alltag zu erleben, was Wunsch und Wirklichkeit unterscheidet. Der 88 Seiten umfassende Koalitionsvertrag jedenfalls listet eine kaum enden wollende Reihe von grünen Visionen auf, die in den kommenden Jahren auf ihre Alltagstauglichkeit abgeklopft werden können. Die Handschrift des Juniorpartners SPD ist dagegen kaum zu erkennen, sieht man von der Volksabstimmung zur Zukunft des Stuttgarter Hauptbahnhofs einmal ab.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, spottete einst Altkanzler Helmut Schmidt. Auf Baden-Württemberg übertragen heißt das, die Grünen werden sich in fünf Jahren erneut den Wählerinnen und Wählern stellen müssen. Und die werden entscheiden, ob ihnen die grün-rote Therapie bekommen ist, die Ministerpräsident in spe Winfried Kretsch­mann ihnen verordnen will.

In nur einer Legislaturperiode die Welt zu verändern, das dürften auch kühne Utopisten für unmöglich halten. Sich mit der wichtigsten Industrie des Landes anzulegen, kann indes auch schon nach kurzer Zeit ungeahnte Nebenwirkungen erzeugen. Schon tönt es aus dem Nachbarland Hessen, man werde Betriebe rund um den Automobilbau mit offenen Armen begrüßen. Auch Niedersachsen empfiehlt sich als Standort für global engagierte Großindustrieunternehmen.

Warten wir also ab, was der neuen Koalition gelingen wird, was lediglich vollmundige Ankündigung bleibt und welche Projekte an der Realität scheitern. Eine so umfassende Schulreform, wie sie jetzt im Pisa-Musterländle geplant ist, muss erst noch die Zustimmung der Eltern gewinnen. Wie schwer das ist, haben die Grünen zuletzt in Hamburg erlebt.

Ob die Stilllegung von zwei Atommeilern allein die Existenz des neuen Bündnisses auf Dauer garantiert, muss abgewartet werden – von Anhängern wie Gegnern.