HANNOVER - Der Ansturm ist gewaltig: Tausende Menschen drängen sich am Sonntag in die neue Synagoge der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover. Bei einem Tag der offenen Tür gibt es Führungen durch das Gotteshaus, das in einem ehemaligen evangelischen Kirchen- und Gemeindezentrum eingerichtet wurde – deutschlandweit ist dies die erste Umwandlung einer Kirche in eine Synagoge.
„Wir wollen uns nicht abschotten, sondern öffnen“, sagt die Landesverbandsvorsitzende der israelitischen Kultusgemeinden in Niedersachsen, Katarina Seidler. „Die Nachfrage ist groß, das Unwissen ist groß, und der Wunsch etwas zu erfahren ist groß, das ist positiv.“ Für die mit dem Zuzug von Juden aus Osteuropa auf rund 600 Mitglieder angewachsene Gemeinde endet mit Bezug der neuen Synagoge nicht nur ein jahrelanges Provisorium. Endlich verfügt die Gemeinde wieder über angemessene und repräsentative Räumlichkeiten.
Neben der „Etz Chaim“-Synagoge sind in dem Gemeindezentrum eine jüdische Bibliothek, ein Kindergarten und Jugendzentrum sowie eine Migrationsberatung untergebracht. Die Zuwanderung bescherte der Gemeinde nämlich nicht nur ein Mitgliederplus, sondern auch eine enorme Integrationsaufgabe. Den Neuankömmlingen müssen die Wurzeln der jahrzehntelang versperrten Religion und Einstiegshilfen in die neue Heimat vermittelt werden.
Nicht nur in Hannover, sondern auch anderenorts in Niedersachsen ist das jüdische Leben im Aufwind. Erst vor gut einem Monat eröffnete die Liberale Gemeinde in Göttingen eine neue Synagoge, in Hameln soll im kommenden Jahr ein neues Gotteshaus entstehen.
Erst vor kurzem erhielt Niedersachsen wieder einen Landesrabbiner und auch die hannoversche Gemeinde wird im Januar einen eigenen Rabbiner einführen. Unterstützung erhält die jüdische Gemeinschaft vom Land Niedersachsen. An den 3,2 Millionen Euro an Aus- und Umbaukosten in Hannover beteiligte sich das Land mit einer Million Euro. Außerdem wurde in diesem Sommer ein finanziell aufgestockter Staatsvertrag zwischen dem Land und den jüdischen Gemeinden verabschiedet, der der zugenommenen Bedeutung und Belastung der jüdischen Gemeinschaft Rechnung trägt.
„Wir sind mächtig am Ball“, freut sich Seidler. Ihr Stolz gilt dabei nicht nur der neuen Synagoge. Auch das Interesse der übrigen Bevölkerung am jüdischen Leben bestätigt die Gemeinden. 60 Führungen durch jüdische Gemeinden gab es alleine in diesem Jahr in Hannover.
