HANNOVER - „Es war sehr kalt und aus meinem Mund kam Rauch. Das war das Erste, was ich erlebt habe. Das war Deutschland.“ Als 6-jähriger Junge kam der Filmemacher Sü Manh To, der nun in Hamburg lebt, vor genau 30 Jahren, am 3. Dezember 1978, auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen an. Er gehörte zu den vietnamesischen „Boat People“, deren Schicksal damals die ganze Welt bewegte.
Viele Gerettete von damals werden sich an diesem Mittwochabend beim Empfang der niedersächsischen Landesregierung in Hannover wieder treffen, denn der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) war im Winter 1978 der Erste, der den Flüchtlingen Hilfe anbot und sie nach Deutschland holte. Zu dem Empfang wird auch Rupert Neudeck erwartet, der mit der „Cap Anamur“ unzähligen vietnamesischen Flüchtlingen das Leben rettete.
Die rund 2500 verzweifelten Menschen hatten einen abgewrackten Frachter gekapert und kreuzten acht Wochen durch das südchinesische Meer, weil kein Land sie aufnehmen wollte. Die Weltöffentlichkeit reagierte erst, als Journalisten über das dramatische Schicksal des Bootes berichteten, auf dem Wasser und Essen knapp wurden und Seuchen drohten.
Khanh-Tho Duong, jetzt Arzt im ostfriesischen Carolinensiel, war 15 Jahre alt, als er Deutschland erreichte. „Wir waren froh, überhaupt aufgenommen zu werden nach der lange Irrfahrt auf See“, erzählt Duong.
Bei ihrer Ankunft in Deutschland wurden die „Boat People“ als erstes in Bundeswehr-Decken eingehüllt. Schnee und Winter waren für sie bis dahin Fremdwörter und bei sich hatten sie nur die dünne Kleidung, die sie am Leibe trugen. Als erste Mahlzeit nach dem 14-stündigen Flug gab es Hühnersuppe mit Reis.
Das erste Transportflugzeug der Bundeswehr landete mit 163 Menschen, darunter 71 Kindern, in Hannover. Insgesamt fanden zunächst 1000 „Boat People“ in Niedersachsen eine neue Heimat, bundesweit wurden sogar 30 000 Flüchtlinge aufgenommen.
Die Flüchtlinge aus Südostasien waren die erste große Ausländer-Gruppe in Deutschland, die nicht aus Europa stammte. Obwohl ihnen die fremde Sprache, das Essen und vor allem die Kälte zu schaffen machten, integrierten sie sich schnell.
Familie Wong überließ 1980 sogar aus Dankbarkeit die Namensgebung ihres jüngsten Sohnes der Stadt Westerstede bei Oldenburg, die sie aufgenommen hatte. Die Wahl fiel auf Thomas – Thomas Wong. Seit 2002 lebt er nun in der Schweiz.
