HANNOVER - Niedersachsen sucht verzweifelt Landärzte. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) hat mit seinen Vorschlägen gegen einen drohenden Medizinermangel nicht nur eine breite Debatte in Politik, Wirtschaft und Ärzteschaft, sondern auch einen kleinen Koalitionskrach ausgelöst. CDU-Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (Oldenburg) äußerte Zweifel an der Machbarkeit einer Landarzt-Quote, wie sie Rösler vorschwebt. Dafür erntete er Kritik von Christian Dürr (Ganderkesee), FDP-Fraktionschef im Landtag. Auch die Opposition sieht die Rösler-Pläne skeptisch. Ärzte-Vertreter unterstützen dagegen den Bundesminister.
„Quoten helfen uns überhaupt nicht weiter“, sagte Stratmann. Das Problem seien die Arbeitsbedingungen von Ärzten. Gesundheitsministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) lobte dagegen den Vorstoß aus Berlin. „Ich begrüße es, dass auch der Bund die Hausärzteversorgung verbessern will“, sagte sie. Es gebe aber zurzeit keinen Ärztemangel in Niedersachsen. Das sieht auch die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) so. Sie warnte aber vor drohenden Engpässen in ländlichen Regionen.
FDP-Fraktionschef Dürr hält es wie Rösler für sinnvoll, eine bestimmte Quote von Studienplätzen für Medizinstudenten zu reservieren, die sich bereiterklären, anschließend auf dem Land zu arbeiten. „Die Quotenregelung ist genau der richtige Schritt“, sagte Dürr dieser Zeitung. Stratmann solle sich weniger Gedanken über verfassungsrechtliche Probleme als über die sinnvolle Gestaltung des Medizinstudiums machen. Dürr verwies darauf, dass sich nur 60 Prozent der Absolventen eines Studiums für den Arztberuf entscheiden.
Aus Sicht der SPD-Landtagsfraktion greift die von Rösler vorgeschlagene Abschaffung der Zulassungsbeschränkung (Numerus clausus) zu kurz. SPD-Fraktionsvize Gabriele Andretta forderte eine Reform des Medizinstudiums. Sie sieht die Zusammenarbeit der Universitäten Oldenburg und Groningen in diesem Bereich als Vorbild. Auch der Städte- und Gemeindebund in Niedersachsen forderte, dass der Beruf des Landarztes attraktiver werden müsse.
In den kommenden zehn Jahren werden in Niedersachsen laut KVN mehr als 4200 Ärzte von derzeit rund 11 000 in den Ruhestand gehen. Gelinge es nicht, Nachfolger zu finden, würden im Jahr 2020 rund 1100 Hausärzte fehlen. Besonders betroffen seien die Regionen Gifhorn, Soltau-Fallingbostel, Wolfenbüttel, Emsland und Harburg.
