Hannover/Menden - Marie verfolgt alles um sie herum mit großen Augen. Und wenn ihre Mutter da ist, ist die Welt für sie in Ordnung. Die Einjährige und ihre Mutter Janine Schöneis haben eine ganz besonders enge Beziehung. Als das Mädchen auf die Welt kam – drei Monate vor dem eigentlichen Geburtstermin – wog es nur 830 Gramm. Für die Familie aus Menden im Sauerland begannen damit bange und intensive Wochen.

Inzwischen wiegt Marie stolze sieben Kilo, robbt durch das Wohnzimmer und zieht sich an Stühlen hoch. Auf Schicksale wie das von Marie will der Welt-Frühgeborenentag am Samstag, 17. November, aufmerksam machen. Frühchen sind die größte Patientengruppe im Kindesalter: Rund 60 000 Babys kommen jedes Jahr in Deutschland vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. Die gute Nachricht: Die Überlebensrate der Frühgeborenen ist kontinuierlich besser geworden.

„Es ist total erfreulich“, sagt Wolfgang Göpel, Leiter des Deutschen Frühgeborenen Netzwerks. Das vom Bund geförderte Projekt hat bisher fast 20 000 Frühchen erfasst und bereits über 2000 von ihnen im Alter von fünf Jahren untersucht. „Die meisten überleben gesund“, betont der Neonatologe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck. So ist es auch bei Marie. Mit 2245 Gramm wird sie nach fast zwei Monaten aus der Klinik entlassen. Regelmäßige Untersuchungen beim Kinderarzt zeigen schnell, dass Marie keine Folgeschäden davon getragen hat.

Für die medizinische und pflegerische Versorgung von Frühchen gibt es strenge Vorgaben, die 2013 noch einmal verschärft wurden. Bundesweit haben die sogenannten Perinatalzentren derzeit Schwierigkeiten, ausreichend Fachpersonal zu finden. Zuletzt hatte die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) berichtet, dass sie in diesem Jahr 298 schwerkranke Kinder aus anderen Häusern nicht aufnehmen konnte, weil es nicht genug Intensivpflegekräfte gibt.

„Diese Dinge müssten politisch gelöst werden“, sagt die Präsidentin der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin, Ursula Felderhoff-Müser. „Die gesamte Kinderheilkunde ist unterfinanziert.“ In einigen Regionen könnten Perinatalzentren zusammengelegt werden, schlägt die Direktorin der Klinik für Kinderheilkunde an der Universität Essen vor. In Deutschland gab es 2017 insgesamt 165 Perinatalzentren der Stufe 1 und 46 der Stufe 2. Bei der überwiegenden Mehrheit der Fälle ist die Frühgeburt schon während der Schwangerschaft absehbar und damit planbar. Die Eltern können sich mithilfe der Internet-Seite www.perinatalzentren.org eine passende Klinik aussuchen.

Der Verband für das frühgeborene Kind setzt sich zudem dafür ein, dass Frühchen-Eltern auch über den 14. Lebensmonat hinaus Elterngeld beziehen können. „Häufig sind die Kinder mit einem Jahr noch nicht so weit, dass sie in eine Kita oder zu einer Tagesmutter können“, sagt Verbandssprecherin Katarina Eglin.