HANNOVER - Abweichler bei der SPD bescheren Ernst Albrecht eine sensationelle Mehrheit. Die Ära dauert bis 1990.
von Marco Seng,
Redaktion Hannover
HANNOVER - Einen besseren Zeitpunkt hätten sich die Minister aus der Albrecht-Zeit für ihr „Klassentreffen“ kaum aussuchen können. Vor 30 Jahren wurde der CDU-Politiker zum Ministerpräsidenten von Niedersachsen gekürt. Das Ergebnis war damals sensationell, denn die Christdemokraten verfügten im Landtag nicht über eine Mehrheit. Doch Abweichler in den Regierungsreihen ließen SPD-Favorit Helmut Kasimier stolpern. Die Ereignisse des Winters 1976 erschütterten die politische Architektur der Republik. In Niedersachsen leiteten sie eine CDU-Ära ein, die erst 1990 vom späteren Kanzler Gerhard Schröder (SPD) beendet wurde.Die Wahl 1976 war notwendig geworden, nachdem der langjährige Ministerpräsident Alfred Kubel (SPD) aus Altersgründen seinen Rücktritt erklärt hatte. Dass es eng werden würde, ahnten die Sozialdemokraten bereits vor der Abstimmung. Die im Juli 1974 geschlossene SPD/FDP-Koalition in Hannover hatte im Parlament nur die hauchdünne Mehrheit von einer Stimme.
Bereits im ersten Wahlgang am 14. Januar nahm das Unheil seinen Lauf. Kasimier erhielt nur 75, sein Gegenkandidat Ernst Albrecht 77 Stimmen. Tags darauf kam es noch bitterer: Beim zweiten Versuch scheiterte der Finanzminister mit 74 zu 78 Stimmen. Kasimier warf daraufhin das Handtuch.
Die SPD gab allerdings noch nicht auf und schickte am 6. Februar Bundesbauminister Karl Ravens ins Rennen. Doch der musste sich sogar gegen 79 Stimmen Albrechts geschlagen geben. Dieser wurde mit FDP-Duldung der erste CDU-Regierungschef Niedersachsens. In der SPD wird noch heute darüber spekuliert, welche „U-Boote“ die eigenen Kandidaten versenkt haben und aus welchen Gründen. Der Ärger über die Gebiets- und Verwaltungsreform war wohl nur ein Grund.
