Hannover/Ritterhude - Späte Erkenntnis: Die Brandkatastrophe von Ritterhude vor drei Jahren bei der Firma Organo Fluid mit einem Toten und einem Millionen-Schaden hätte möglicherweise verhindert werden können. So lautet das Ergebnis eines Gutachtens im Auftrag der CDU-Landtagsfraktion. Der Umwelt-Experte Peter Gerhardt kommt darin zur Festellung, dass die Chemiefirma unter das strenge Regiment der sogenannten Seveso-Richtlinie für besonders gefährliche Anlagen hätte fallen müssen. Dazu hätten viel schärfere Sicherheitsauflagen der Störfallverordnung gehört und ein Notfallplan. „Vielleicht hätte niemand sterben müssen“, sagt der CDU-Umweltexperte Martin Bäumer, der immer schon Behördenversagen vermutete, das die Brandkatastrophe begünstigt habe.

„Legt man die Seveso-Richtlinie zugrunde, dann hätte die Anlage geschlossen werden müssen. Der Landkreis Osterholz hätte sagen müssen: Feierabend!“, spricht Bäumer Klartext. „Oder“, so der Umweltexperte, „das Unternehmen hätte die gesamte Anlage technisch nachrüsten müssen“. Denn das jetzt erstellte Gutachten im Auftrag der CDU bescheinigt dem Unternehmen gleich eine ganze Reihe von alarmierenden Aspekten, von denen jeder einzelne ausgereicht hätte, eine Seveso-Einstufung vorzunehmen.

Bäumer sieht sich in seiner Behörden-Kritik aber auch durch das vertrauliche Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft Verden bestätigt, das erst vor einem Tag dem Umweltausschuss des Landtags zuging. „Allein die Abstandspflichten, die der Stoff Methanol auslöst, hätten den Betreiber an diesem Standort mitten im Wohngebiet in Erklärungsnot gebracht und einen Weiterbetrieb möglicherweise verhindern können“, sagt Bäumer.

Die Union sieht gleich eine ganze Reihe von Verantwortlichen, die versagt hätten: Die Kommune mit der Bauaufsicht, die Gewerbeaufsicht in Cuxhaven, der Besitzer und Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne), „der die mögliche Seveso-Einordnung zu keinem Zeitpunkt in Betracht gezogen hat“, kritisiert Bäumer, der es für einen Skandal hält, dass weder die zuständige Staatsanwaltschaft in Verden noch die Landesregierung genügend Aufklärungsdruck entwickelt hätten.

Wenzel weist die Vorwürfe zurück. Fehler seien vor seiner Zeit passiert.

Nicht ausgeschlossen, dass schon bald ein weiterer Skandal hinzukommt. Nach Informationen Bäumers sind die Krebsfälle in der Nähe des Katastrophenortes angestiegen.