HANNOVER - Wahlkampf? „Nein“, weist Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister jeden Verdacht zurück, seine „Sommerreise“ quer durch Niedersachsen in dieser Woche habe irgendetwas mit der kommenden Landtagswahl im nächsten Januar zu tun. „Das ist noch lange hin. Die Leute wollen nicht, dass man sich monatelang beschimpft“, ergänzt der CDU-Politiker: „Wir sollen arbeiten. Das tun wir auch.“ Dass SPD-Herausforderer Stephan Weil zur gleichen Zeit eine Sommerreise durchführt? „Natürlich Wahlkampf“, befindet der Regierungschef, der vier Tage lang den direkten Kontakt zu Bürgern sucht und dabei 1200 Kilometer zurücklegen wird. „Niedersachsen ist schön, bunt und unübertrefflich“, lautet das Motto der Tour. Beispielsweise mit Stationen bei Industrie-Unternehmen, Eisenbahnern, Radfahren auf dem Elbdeich (mit Test der Spundwandsicherheit), Stopp in der ARD-Serie „Rote Rosen“ aus Lüneburg, Besuch von Wald-Pädagogen, von Deichbauern in Elsfleth (Moorriem-Ohmsteder Sielacht), Zwischenhalt bei einer Jugendfeuerwehr und in Wildeshausen (Hydrotec) sowie Essen (Wernsing).

McAllister spricht mit vielen Menschen. Auch mit den Castor-Gegnern in Hitzacker, die gegen das Endlagersuchgesetz protestieren und den Tross mit Schildern wie „X-mal quer“ für ein paar Minuten stoppen. McAllister verteidigt den geplanten Atomkonsens: „Wir brauchen eine tragfähige gesetzliche Basis.“ Das sei auch die einzige Chance, Gorleben zu beenden. Die Castor-Gegner räumen nach diesen Worten die Blockade.

Unübersehbar ist der Bus mit Niedersachsen-Ross und McAllister-Schriftzug. Die Leute bleiben stehen. Nur die Musik (NDR 2) gefällt dem Gast nicht. „Gibt’s nicht etwas anderes?“

Das ändert sich beim Gitarrenbauer Duesenberg in Hannover. Westernhagens neuste Klampfe hängt fertig zum Versand im Ständer. Ein Brite mit schottischen Wurzeln (McAllister: „Darauf besinnen sich Briten spätestens bei der Hochzeit, um im Kilt zu heiraten“) offeriert ein Dudelsack-Ständchen.

Ansonsten gehört der britische Ex-Soldat aus Bergen zu den Endabnehmern der High-Tech-Instrumente. „Dabei sind Gitarristen die konservativsten Musiker überhaupt“, sagt Firmenchef Gölsdorf. Das gefällt dem CDU-Landeschef. Mit der Musik hat’s dagegen McAllister nicht so weit gebracht. „Meine Mutter wollte, dass ich Operntenor werden“, erzählt er: „Gereicht hat’s für den Jugendchor.“

Apropos konservativ. Bei Continental darf der Gast einen Superflitzer Hannoveraner Studenten bestaunen. Der Renner startet in einer eigenen Rennserie „Student Formula“. Ein batteriegetriebenes Auto – ganz in Schwarz. „Eine sympathische Farbe“, findet McAllister. Das Probesitzen wird zur Probe für das Ultraleicht-Gefährt. Die Plastik-Wanne knackt gefährlich. Der Ministerpräsident verzichtet auf ein paar Runden über den Slalomkurs, lässt sich dafür die aktuellen Erfolgsdaten von Conti geben: erwartete 35 Milliarden Euro Umsatz, 7000 Arbeitsplätze in Stöcken von 160 000 weltweit.

Beeindruckende Zahlen. Andere Zahlen begeistern den Spitzenkandidaten wenig später noch mehr. Nach einer Umfrage liegt die CDU in Niedersachsen fünf Prozentpunkte vor der SPD. McAllister strahlt. „Gibt’s Sekt?“, fragt jemand. Die vier Prozent für den Koalitionspartner FDP mindern die Begeisterung keineswegs. Wie sagte der Ministerpräsident am Morgen vor der Staatskanzlei: „Ich mache keinen Wahlkampf.“ Die Schlacht um die Wähler in Niedersachsen ist eröffnet.