HANNOVER - „Es geht um viel mehr als Größe, Gewicht und Infektionskrankheiten.“ Niedersachsens Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) will sich für eine Weiterentwicklung der Richtlinien zur Früherkennung einsetzen, um der Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern vorzubeugen. „Die allermeisten Eltern in Niedersachsen nehmen schon heute pflichtbewusst mit ihren Kindern an den Vorsorgeuntersuchungen teil“, sagte Ross-Luttmann. Ihr Ziel sei es aber, alle Kinder zu erreichen.
Deshalb will das Land Niedersachsen verbindlicher zu den Vorsorgeuntersuchungen einladen. Die Ärzte sollen das Landesgesundheitsamt über die ausgeführten Untersuchungen informieren, kündigte Ross-Luttmann an. Nehmen Eltern die Termine auch nach einer weiteren Einladung nicht wahr, sollen sich die Jugendämter einschalten.
Die SPD-Opposition im Landtag kritisierte die Initiative als „blinden Aktionismus“. Für die SPD forderte deren Sozialexperte Uwe Schwarz erneut, die Untersuchungen zur gesetzlichen Pflicht zu machen. Sie könnten durch den öffentlichen Gesundheitsdienst in Kindergärten und Grundschulen wahrgenommen werden. Die Initiative der Ministerin sei ein „stumpfes Schwert“.
Ross-Luttmann hatte eine Untersuchungspflicht abgelehnt. Sie gefährde das Vertrauen zwischen Eltern und Kinderarzt. Niemand könne die Eltern gesetzlich verpflichten.
Einzelheiten will Ross-Luttmann in Kürze mit Vertretern von Berufsverbänden, Kinderschutzbund, Kassen und Kommunen besprechen.
Nach dem Hungertod der kleinen Lea-Sophie aus Schwerin hatte die Sozialministerin Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) kritisiert, weil beim Kinderarzt keine Sonderuntersuchung auf Misshandlungen vorgeschrieben ist. Das Bundesministerium hatte die Kritik mit dem Argument zurückgewiesen, dass Experten Sonderuntersuchungen ablehnten. Stattdessen solle ein Merkblatt entwickelt werden, anhand dessen die Ärzte Misshandlungsfälle besser erkennen könnten.
Ross-Luttmann will nun eine Zentralstelle beim Landesgesundheitsamt einrichten, die die verbindlichen Einladungen für die Vorsorge-Checks an Eltern verschicken soll – das wären nach Berechnungen des Ministeriums jährlich rund 350 000.
