HELGOLAND - Nach dem Willen von Frank Botter kann es gar nicht schnell genug gehen. Der Bürgermeister von Helgoland sorgt sich über eine Stelle auf dem Meeresgrund nur vier Kilometer südlich der Nordseeinsel, an der nach Ende des Krieges 90 Tonnen Giftgas-Granaten entsorgt wurden. Die Behörden wissen das seit 1980. Jetzt soll etwas passieren. Das Kieler Innenministerium wird die Stelle Anfang Januar untersuchen lassen. Niedersachsen hatte – wie berichtet – sogar angekündigt, alle Munitionsaltlasten vor der Küste neu zu bewerten. Für Botter ist klar: „Die gehören da weg.“

Für Bewegung in dem Fall hat ein Experten-Treffen gesorgt, zu dem die niedersächsischen Landtags-Grünen vor kurzem eingeladen hatten. Stefan Nehring, Meeresbiologe und Fachmann für Kriegsmunition in Nord- und Ostsee, hatte referiert, dass Behörden die Gefahr auf dem Meeresboden bewusst verharmlosten. Nehring, der als Gutachter für Land und Bund arbeitet, hatte von „Stillschweigeabkommen“ gesprochen – und das, obwohl angespülte Munition immer wieder Verletzte fordere. So ließe sich auch der ein oder andere Widerspruch in Dokumenten erklären, die Nehring zusammengetragen hat.

Thomas Giebeler, Sprecher im Kieler Innenministerium, weist den Vorwurf entschieden zurück, dass Dinge verschwiegen worden seien. Giebeler warnt vor Panikmache. Bei Übungen der Marine und Messungen des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) hätten an der besagten Stelle keine Metallkörper geortet werden können. Jedoch seien die Granaten in rund 50 Metern Wassertiefe mit einer dicken Sedimentschicht überzogen. Die neuen Untersuchungen im Januar sollen nun „gezielter und mit dem neusten Stand der Technik“ erfolgen.

Giebeler räumt ein, dass erst das Medienecho nach der Expertenrunde bei den Grünen die Kieler Landesregierung zu einer Neubewertung veranlasst habe.

Laut Experte Nehring wird es auch Zeit: „Wissenschaftliche Versuche in Russland haben ergeben, dass Munition verstärkt nach 60 bis 70 Jahren durchrostet und das Gift austreten kann.“ Bei 1949 versenkter Munition ist es also bald so weit. „Je nach Art des Kampfstoffes ist es selbst bei dieser Wassertiefe nicht auszuschließen, dass sich eine Giftgaswolke bildet“, so Nehring. Ministeriumssprecher Giebeler zufolge verlaufen Schifffahrtslinien neben der Stelle – in nur zwei bis drei Kilometern Abstand.