Oldenburg/Dohuk - Ein Kind fehlt. „Wo ist denn Murat?“, fragt Monika Ortmann.
Aziz antwortet, indem er auf den Fußboden zeigt.
Monika Ortmann erschrickt: Murat ist unter der Erde? „Ist er gestorben?“
Aziz schüttelt den Kopf, die Professorin aus Deutschland versteht ihn nicht. Er führt sie nach draußen und zeigt es ihr.
Sein Bruder lebt jetzt unter dem Flüchtlingscontainer. Er liegt da im Dunkeln auf dem Lehmboden, sie haben ihm ein paar Decken gegeben und ein paar Pappen, als Sichtschutz. Murat, 16 Jahre alt, trägt keine Hosen, so wie immer. Er ist inkontinent, Windeln gibt es hier schon lange nicht mehr, saubere Hosen auch nicht.
„Rwanga“ steht auf dem hellen UN-Container, so heißt das Flüchtlingscamp in Dohuk, Irak. Rwanga ist eines von 22 Lagern in der Region Dohuk, eine Region mit 1,3 Millionen Einwohnern und einer Million Flüchtlingen.
Das hier ist Murats Familie: Murat (16), Asia (15), Aziz (14), Aziza (11), Hadya (9), Dolovan (5) und Diar (2), Mutter Nisrin ist 35, Vater Umed 63. Der Vater hat einen Schlaganfall erlitten, „er kann nichts machen“, sagt die Mutter. Sie muss sich allein um die Kinder kümmern. Drei ihrer Kinder sind behindert.
Murat ist geistig und körperlich eingeschränkt, er kann nicht laufen. „Ein ganz ruhiger Junge“, sagt Monika Ortmann, „und gehorsam.“ Wenn seine Mutter sagt: Bleib’ unter dem Container, dann bleibt er unter dem Container.
Asia ist querschnittsgelähmt. „Ein freundliches und intelligentes Mädchen“, sagt Ortmann. Asia sitzt im Container auf einer Pappe, auch sie ist inkontinent. Die Pappe wird regelmäßig gewechselt.
Aziza bekam mit zwei Jahren eine Hirnhautentzündung. Sie kann nicht sprechen, sie ist desorientiert, sie läuft weg. Aziza ist ebenfalls inkontinent, die Mutter hat sie in der Toilette angekettet. Wenn Aziza langweilig ist, spielt sie mit ihrer Kette. Oder mit dem Toilettenwasser.
Ein Container mit einem kleinen Wohnraum und einer Toilette. Drei behinderte Kinder. Ein Kleinkind. Keine Windeln. Unerträglicher Gestank.
„Abends weinen wir täglich“, sagt Nisrin, die Mutter.
Der Irak hat 2013 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Aber er ist 2015 immer noch ein Land, in dem Familien ihre behinderten Kinder verstecken. Ein Land, in dem es keine Infrastruktur für Behinderte gibt: „Kein Sozialdienst, kein Pflegedienst, keine Schulen oder Kindergärten“, fasst Monika Ortmann zusammen.
Prof. Dr. Monika Ortmann lehrt an der Universität Oldenburg, ihr Fachgebiet ist „Pädagogik bei körperlichen und motorischen Beeinträchtigungen“. Seit 2009 arbeitete sie daran, eine Hochschul-Kooperation zwischen der Uni Oldenburg und einer irakischen Uni aufzubauen.
Warum?
Weil sich die Uni Oldenburg Internationalisierung auf die Fahnen geschrieben hat, so Ortmann, und weil Internationalisierung nicht nur „Westen“ heißt.
Weil die Uni Oldenburg von solch einer Kooperation profitiert: durch Studenten- und Dozentenaustausch, durch Drittmittel-Geld.
Aber eben auch, weil Ortmann, die als Kind in Kassel noch in Kriegstrümmern gespielt hat, gern einen Beitrag zum Wiederaufbau des Irak leisten wollte: „Nach drei Kriegen lag dort ja alles darnieder“, sagt sie. Jeder hilft, wie er kann – Ortmann kann Sonderpädagogik.
2013 verabredeten die Universitäten Oldenburg und Dohuk die Einrichtung des Studienganges „Disability Studies & Rehabilitation“. Im Herbst 2014 nahmen 54 Studenten ihr Studium auf.
2014: Das war das Jahr, in dem die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ihren Eroberungskrieg begann. Am 3. August sollen IS-Kämpfer in Shingal mehr als 10 000 Jesiden ermordet oder versklavt haben. Genaue Zahlen gibt es nicht; der Verband Ezidischer Juristen unter Vorsitz des Oldenburger Rechtsanwalts Cahit Tolan fordert seit Monaten die Einrichtung eines UN-Sondertribunals, das die Verbrechen aufklären soll.
Tausende Jesiden flohen aus dem Shingal-Gebirge, darunter Murats Familie. Mitnehmen konnte sie nichts: Mutter Nisrin war schwanger, auf dem Arm trug sie den kleinen Diar, Aziza hatte sie mit einem Seil an sich festgebunden. Unterwegs musste Nisrin Murat und Asia an der Straße zurücklassen. Andere Jesiden brachten sie später nach Dohuk, wo die Familie zunächst in einer zum Flüchtlingsheim umfunktionierten Schule Unterschlupf gefunden hatte.
Dohuk, Standort einer nagelneuen deutsch-irakischen Hochschul-Kooperation: Monika Ortmann und die Universität Oldenburg befinden sich plötzlich im Zentrum der Fluchtbewegung.
In der Schule (kein Wasser, kein Strom) trifft Monika Ortmann erstmals Murats Familie. Aziza ist am Schulzaun angekettet, sie soll nicht auf die Straße rennen.
Die deutsche Sonderpädagogin denkt: Die drei behinderten Kinder werden niemals eine Schule besuchen können. Die gesunden womöglich auch nicht: In einem Land ohne Infrastruktur für Behinderte werden sich Aziz, Hadya, Dolovan und Diar ihr Leben lang um die kranken Geschwister kümmern müssen, den Vater, die traumatisierte Mutter. (Nisrin hat auf der Flucht ihr Baby verloren.) Ortmann sagt: „Eine Chance haben sie nur, wenn sie nach Deutschland kommen.“
Tausende Flüchtlinge machen sich täglich auf den Weg nach Europa. Die meisten von ihnen sind junge Männer.
Murats Familie würde es nicht einmal über die nahe Grenze zur Türkei schaffen.
„Kann es sein, dass wir nur den Stärksten helfen?“, fragt Monika Ortmann.
Im September hielt der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden in Deutschland, Telim Tolan aus Oldenburg, einen Vortrag vor baden-württembergischen Abgeordneten. Er erzählte von den Gräueltaten in Shingal. Ende 2014 erklärte Baden-Württemberg: Das Land werde in einem Sonderprogramm 1000 traumatisierte Jesidinnen aufnehmen.
Im Sommer 2015 kündigte Niedersachsen an, Baden-Württemberg zu unterstützen und ein Kontingent von rund 70 Jesidinnen aufzunehmen.
Als Monika Ortmann in Dohuk von dem Sonderprogramm hörte, machte sie das baden-württembergische Projektteam auf Nisrin aufmerksam. Das Team fragt in Hannover an: Können Sie diese Familie aufnehmen?
Aber da war das Kontingent bereits ausgeschöpft, erklärt Jutta Kremer aus der Niedersächsischen Staatskanzlei: „Wir hatten keine Rechtsgrundlage mehr.“ Sie versuchte einen anderen Weg: Wenn man die Familie keiner Kommune zuweisen kann – findet sich vielleicht eine Kommune, die sie freiwillig aufnimmt?
Monika Ortmann beteiligte sich an der Suche. Es gab nur Absagen, zuletzt aus dem Ammerland.
In der Staatskanzlei vermutet man, dass es dabei ums Geld gehen könnte. Selbst wenn die Familie über das Sonderprogramm finanziert würde, übernähme das Land die Finanzierung „nur“ sieben Jahre lang. Anschließend müsste die Kommune allein die Kosten tragen – für eine Familie mit extrem hohem Unterstützungsbedarf.
Die Stadt Oldenburg nennt noch einen anderen Grund. Sprecher Reinhard Schenke betont zwar, man habe wegen der fehlenden Rechtsgrundlage im Fall Nisrin „weder zu- noch abgesagt“, er gibt aber zu: „In der augenblicklichen Lage, wo wir pro Woche Unterkünfte für 80 Flüchtlinge schaffen müssen, ist es sehr schwierig, für so eine spezielle Gruppe Aufnahmekapazitäten zu schaffen.“
Kommunen und Land werben deshalb für eine neue Perspektive: Könnte man der Familie nicht sinnvoller vor Ort helfen – mit deutschem Spendengeld, gesammelt von einer privaten oder religiösen Einrichtung?
In Dohuk rücken die Temperaturen derweil jede Nacht näher an den Gefrierpunkt. Monika Ortmann sagt: „Ich habe Angst, dass Murat stirbt unter seinem Container.“
