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Flüchtlinge Im Nordwesten Wo die Integration mit Schere und Charme gelingt

Lars Laue

Oldenburger Land/Visbek - Wie geht Integration? Diese zentrale Frage hatte Weihbischof Heinrich Timmerevers als oberster Hirte der Katholiken im Oldenburger Land in den Mittelpunkt seiner Neujahrsansprache gestellt und die Antwort gleich mitgeliefert: „Ich meine, es ist zunächst erforderlich, sich ganz konkret mit dem Menschen hinter seiner Bezeichnung als Flüchtling zu beschäftigen. Die anonyme Masse muss aufgebrochen werden. Es kommt darauf an, eine konkrete Beziehung zu den einzelnen Schicksalen zu entwickeln, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und zu versuchen, ihre Perspektive einzunehmen. So verlieren pauschale Urteile ihre Kraft, Unkenntnis schwindet, Not bekommt ein konkretes Gesicht und Hilfe wird motiviert.“

Erster Kunde

Und um ein Beispiel zu geben, sprach der 63-Jährige über seinen Frisör. Der heißt Christian Niehaus und betreibt einen Frisörsalon in Visbek im Landkreis Vechta. Hier war Timmerevers elf Jahre lang als Pastor tätig – seinem Frisör Christian Niehaus ist der Geistliche auch nach seiner „Beförderung“ zum Weihbischof treu geblieben. „Integration funktioniert im Kleinen“, sagt der Bischof, der alle vier Wochen beim Frisör seines Vertrauens ist. Immer schon ganz früh morgens um 7 Uhr, um sich anschließend seinem Tagesgeschäft widmen zu können. Auch Mustafa Kal Omar ist an diesem Morgen schon ganz früh aufgestanden. Der 24-Jährige stammt aus Syrien und kam über die Türkei, Griechenland, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Täglich besucht er einen Deutschkurs, täglich ist er im Geschäft von Christian Niehaus, um eine Beschäftigung zu haben, um unter Menschen zu sein, und um etwas zu lernen. Und selbst der Chef kann noch etwas von Mustafa lernen. „Er zupft kleine Härchen einfach mit einem Bindfaden weg. Das kann er ganz hervorragend“, lobt Christian Niehaus seinen syrischen Mitarbeiter, während dieser die Schere in die Hand nimmt und dem Gottesmann die Haare schneidet.

„Oben darf es noch ein bisschen kürzer“, merkt der Bischof an, „ich trage ja gelegentlich eine Kopfbedeckung und die muss gut passen.“ Was auch gut passt, ist das Verhältnis zwischen Mustafa und seinem Chef Christian. „Er ist eine echte Bereicherung für uns. Und auch wenn es zunächst Vorbehalte gab, so schätzen meine Kundinnen und Kunden ihn mittlerweile sehr“, betont Niehaus. Und Mustafa, der in seiner Heimat auch schon als Frisör tätig war, ist froh, dass er eine Aufgabe hat. „Mir macht die Arbeit viel Spaß. Chef Christian und die Kollegen sind sehr nett.“

Über die Arbeit gut integriert ist auch Zozan Uso. Schon vor einem Jahr kam die 20-jährige Syrerin zu Christian Niehaus mit der Frage, ob sie bei ihm den Beruf der Frisörin kennenlernen könne. Konnte sie. Am Anfang war das aufgrund der Sprache nicht ganz einfach, aber mit gutem Willen auf beiden Seiten ging es.

Vom Team akzeptiert

Sie fing an, Deutsch zu lernen. Mit den Wochen machte sie gute Fortschritte, hat sich eingearbeitet, lernte die Anforderungen, die an eine Frisörin gestellt werden, kennen und fürchtet sich nicht mehr davor. „Wie Mustafa ist sie im Team und bei den Kunden akzeptiert“, betont Frisörmeister Niehaus, „sie ist höflich, freundlich, einfühlsam und bereit zu lernen.“

Für den Hausherrn gibt es eine einfache Regel des Zusammenspiels: „Du kommst als Gast zu mir, ich bin dein Gastgeber. Das ermöglicht uns ein gutes Miteinander. Als guter Gastgeber respektiere ich die Eigenarten meines Gastes und versuche, mich so gut wie möglich darauf einzustellen. Der Gast wiederum respektiert die Gepflogenheiten des Hauses und stellt sich ebenso darauf ein.“

Nationalitäten spielen dabei für Niehaus keine Rolle. „Mir kommt es auf die Menschen an“, betont der 53-jährige Vater zweier erwachsener Töchter und fügt hinzu: „Alle wollen, dass ihre Kinder Auslandserfahrungen sammeln, aber wenn Fremde zu uns kommen, gibt es doch immer wieder große Vorbehalte.“

„Im Frisörsalon hat sich etwas verändert“, hat Stammkunde Timmerevers festgestellt. „In Gegenwart der beiden Syrer wird anders über Geflüchtete gesprochen, es wird eingeübt, mit ihnen zu sprechen. Die Kunden erleben und sehen, wie Herr Niehaus als Mensch und Chef respektvoll und unterstützend mit ihnen umgeht. Im Prozess des miteinander-vertraut-Werdens sind Kunden zunehmend bereit, den Frisördienst durch bislang Fremde aus Syrien anzunehmen. Man kommt sich mit Respekt im wahrsten Sinne näher.“

Vertrauen aufbauen

Dieser Einblick in den Frisörsalon von Christian Niehaus im beschaulichen Visbek zeigt nach den Worten des Weihbischofs, dass Integration ein Prozess in vielen kleinen Schritten ist. „Gegenseitiges Respektieren, Vertrauen aufbauen, miteinander sprechen, Fremde als Gäste sehen und behandeln, sich näher kommen, an sich heranlassen, gute Gastgeber sein und Arbeit ermöglichen, damit beginnt und gelingt Integration. Damit können wir unsere ,Bedenkenträgerhaltung’ verwandeln in ein ,Wir schaffen das’“, betont Timmerevers beim Bezahlen und macht sich auf den Weg zurück nach Vechta. Auf dem Beifahrersitz des schwarzen Audis nimmt der Syrer Mustafa Platz. Der Bischof nimmt ihn ein Stück mit, denn gleich beginnt sein Deutschkurs und somit einer seiner Beiträge, um sich in Deutschland zu integrieren.

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