Hannover - Aus Ärger über eine Checkliste zum Erkennen mutmaßlicher Extremisten ließen die Islamverbände in Niedersachsen vor einem Jahr den Dialog mit dem Innenministerium platzen. Nach dem Regierungswechsel kündigt Rot-Grün nun einen neuen Kurs gegenüber den Muslimen mit mehr Teilhabe und Integration an und glättete so die Wogen. Das Antiradikalisierungsprogramm samt Islamistencheckliste seines CDU-Vorgängers Uwe Schünemann warf der neue Innenminister Boris Pistorius (SPD) in den Papierkorb. Die Extremismusgefahr aber besteht weiter – ihr wollen sich neben Polizei und Verfassungsschutz nun vorrangig die muslimischen Verbände selber stellen.

„Wir wollen vorbeugend agieren und mit den jungen Leuten ins Gespräch kommen“, sagte der Vorsitzende des Landesverbandes der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), Yilmaz Kilic. „Wir wollen den jungen Leuten sagen, ihr seid alle willkommen, wir brauchen euch.“

Denen, die aus der Reihe tanzten, weil sie in den Extremismus abzugleiten drohten, solle der richtige Weg gezeigt werden. Dieses Vorgehen soll in dem Staatsvertrag verankert werden, den das Land mit den muslimischen Verbänden ausarbeitet.

Zugleich gebe es weiter Gespräche der Verbände mit den Polizeidirektionen, sagte Kilic. „Unser Ziel ist es, gemeinsam etwas zu erreichen.“ Das Problemgerede rund um den Islam solle aber einem positiven Blick weichen.

Rückblende: Weitgehend harmonisch bemühten Verbände und Regierung sich in Niedersachsen zwar in der Vergangenheit um eine bessere Integration der Muslime, etwa mit der Schaffung islamischen Religionsunterrichts. Reibereien gab es aber mit Schünemann wegen Polizeikontrollen vor Moscheen oder der Islamistencheckliste. Dabei kam der Anstoß für das Antiradikalisierungskonzept vom muslimischem Landesverband Schura selbst.

Aller Streit scheint nun aber verflogen: „Wir haben ein gutes Klima mit der neuen Landesregierung“, betonte der Schura-Vorsitzende Avni Altiner. Auch Kilic berichtet von einer guten Atmosphäre. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) macht eine besondere Willkommensgeste in Richtung der Muslime: Zum feierlichen Ende des Fastenmonats Ramadan im August lud er die islamischen Verbände und Vertreter anderer Religionen zu einem Empfang ins Gästehaus der Landesregierung ein.

Wie der Radikalisierungsgefahr junger Muslime künftig in Niedersachsen begegnet werden soll, wollen Verbände und Behörden in nächster Zeit im Detail festzurren. Im Fokus steht unter anderem die Gefahr einer Radikalisierung über das Internet.