KABUL - Der Zeitpunkt mag Zufall sein wahrscheinlicher ist aber, dass die Taliban ein Gespür für Timing haben: Als ihr Terrorkommando das Intercontinental in Kabul stürmt, halten sich in dem Luxushotel hochrangige Regierungsvertreter aus den Provinzen auf. Sie wollen an einer Konferenz teilnehmen, das Thema: Übergabe der Verantwortung von der NATO an afghanische Sicherheitskräfte. Der Übergabeprozess soll in wenigen Tagen beginnen. Doch sogar um einen Angriff mitten in der Hauptstadt niederzuschlagen, müssen Polizei und Armee die NATO zu Hilfe rufen obwohl die Afghanen in Kabul bereits seit 2008 für die Sicherheit selbst verantwortlich sind.
Schwer bewachtes Hotel
In der Nacht zu Mittwoch gelingt es nach Angaben des afghanischen Innenministeriums neun Taliban-Kämpfern mit Sprengstoffwesten, Schusswaffen und Handgranaten, in das schwer bewachte Hotel einzudringen. Einheimische Sicherheitskräfte rücken an, sie stellen den Strom ab. Die Aufständischen und die verängstigten Menschen im Hotel sitzen im Dunkeln, Schüsse sind zu hören.
Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid sagt, die Angreifer suchten das Gebäude Zimmer für Zimmer nach Ausländern ab. Eine Horrorvorstellung für die zahlreichen Westler, die im Interconti wie die Afghanen das 1969 eröffnete älteste Luxushotel ihres Landes kurz nennen regelmäßig absteigen.
Nach Darstellung der NATO-geführten Schutztruppe Isaf drängen die einheimischen Sicherheitskräfte Aufständische auf das Flachdach des sechsstöckigen Gebäudes, wo diese sich verschanzen. Die Afghanen fordern bei der Isaf Luftunterstützung an. Die Schutztruppe schickt einen Black-Hawk-Kampfhubschrauber, von dem aus Soldaten die Taliban unter Feuer nehmen. Flammen schlagen aus dem Hotel.
Insgesamt dauern die Gefechte zwischen Sicherheitskräften und Aufständischen mehr als vier Stunden, dann sind alle Angreifer tot. Einige von ihnen haben sich in die Luft gesprengt, die anderen werden erschossen. Zuvor haben sie nach offiziellen Angaben mindestens neun Zivilisten ermordet, darunter einen spanischen und einen türkischen Hotelgast. Auch zwei Polizisten werden getötet.
Der Vorfall wirft erneut die Frage auf, ob afghanische Polizei und Armee in der Lage sein werden, bis Ende 2014 im ganzen Land selbst für Sicherheit zu sorgen. Dann soll der Übergabeprozess abgeschlossen sein und dann sollen die NATO-Kampftruppen abziehen, auf deren Kampfhubschrauber die Afghanen nun wieder zurückgreifen mussten. Westliche Truppenstellernationen wollen an dem Termin unbedingt festhalten, um den ebenso unpopulären wie verlustreichen Einsatz am Hindukusch sobald wie möglich beenden zu können.
Hervorragend gemacht
Dieser Angriff wird den Prozess der Übergabe der Sicherheit nicht daran hindern, voranzuschreiten, teilte die Isaf mit. Westliche Offiziere und Diplomaten bemühten sich am Mittwoch darum, die Rolle der NATO beim Vorgehen gegen das Taliban-Kommando im Interconti herunterzuspielen und zugleich die einheimischen Sicherheitskräfte zu loben. Die haben das hervorragend gemacht, sagte der neue Isaf-Sprecher, Bundeswehr-General Carsten Jacobson. Das hätte sonst weitaus gravierendere Folgen haben können.
Gravierend ist allerdings auch, dass es den afghanischen Sicherheitskräften nicht gelungen ist, den massiven Angriff auf das Intercontinental zu vereiteln.
