Lüneburg - Im Lüneburger Auschwitz-Prozess hat eine Überlebende das Grauen in dem Vernichtungslager und die Selektion durch den KZ-Arzt Josef Mengele geschildert. Eva Pusztai-Fahidi berichtete am Dienstag als Nebenklägerin, wie sie mit ihrer Familie 1944 aus Ungarn tagelang in einem Viehwaggon und unter unmenschlichen Umständen nach Auschwitz deportiert worden war.
„Wir sind dort gestanden – kahlgeschoren und splitternackt“, beschrieb sie auf Deutsch die Lage nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau. Die 89-Jährige verlor 49 Familienangehörige im Holocaust, darunter ihre Eltern und ihre Schwester.
Am Landgericht Lüneburg muss sich der frühere SS-Mann Oskar Gröning (93) wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen während der sogenannten „Ungarn-Aktion“ verantworten. Der frühere Freiwillige der Waffen-SS hatte sich zu Prozessbeginn zu seiner moralischen Mitschuld bekannt. In dem Konzentrationslager im besetzten Polen ließ das NS-Regime mehr als eine Million Menschen ermorden, die meisten waren Juden.
Nach Pusztai-Fahidi schilderte die 86-jährige Hedy Bohm die Verschleppung ihrer Familie nach Auschwitz-Birkenau Ende Mai 1944. Gleich nach der Ankunft wurde sie von den Eltern getrennt, erst vom Vater, kurz darauf auch von der Mutter. Bis zuletzt habe sie gehofft, die Eltern nach dem Krieg wiederzusehen. Während der ganzen Zeit in Lager C habe sie nichts über die Gaskammern und Krematorien gewusst.
Sie verspüre kein Gefühl der Rache, aber sie könne auch nicht vergeben – „niemals“, betonte die 86-Jährige zum Schluss ihrer auf Englisch gemachten Aussage.
Der Massenmord an den europäischen Juden sei zugleich auch ein Massenraub gewesen, betonte Historiker Frank Bajohr als Gutachter vor Gericht. Aus Auschwitz und anderen Vernichtungslagern seien Millionensummen an Devisen zum Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS gebracht worden.
Der Angeklagte Gröning hatte gestanden, als Mitarbeiter der Häftlings-Geldverwaltung im Konzentrationslager das Geld der Opfer an die SS weitergeleitet zu haben. Der Gutachter sagte, er halte es für nicht sehr wahrscheinlich, dass Gröning schon 1942/1943 kurz nach seiner Ankunft ein erstes Versetzungsgesuch geschrieben habe, wie von ihm ausgesagt.
