Die katholische Kirche hat im vergangenen Jahr dramatisch viele Mitglieder verloren. Mehr Austritte als Taufen diese Relation zeigt, wie stark die Bindungskraft der Kirche nachgelassen hat. An den hohen Zahlen sind nicht nur die Missbrauchsskandale schuld, die das Vertrauen vieler Gläubiger erschüttern. Insgesamt erreicht die christliche Botschaft immer weniger Menschen. Nicht zuletzt sind die Kirchen genau wie Parteien, Gewerkschaften, Vereine und andere Organisationen von einer wachsenden Bindungsunwilligkeit der Menschen betroffen.
Die Mitgliederentwicklung kann der katholischen Kirche zwar nicht egal sein. Andererseits braucht sie nicht wie ein Kaninchen auf die Schlange zu starren und alles versuchen, um die Zahlen zu stabilisieren. Die Zeit der Volkskirchen ist vorbei. Seit Jahren sind die großen Glaubensgemeinschaften auf dem Rückzug. Selbst in katholischen Gegenden lösen sich traditionelle Strukturen auf. Skandale, Priestermangel, Fehlentscheidungen der Führung und ähnliche Faktoren beschleunigen den Rückgang zwar, sind aber nicht Auslöser. Selbst wenn die Bischöfe den Forderungskatalog ihrer Kritiker Aufhebung des Zölibats, Priesterweihe für Frauen, demokratische Wahlen bei Leitungsämtern, Segen für gleichgeschlechtliche Partnerschaften erfüllen sollten: Die Mitgliederzahlen würden sinken.
Hüten muss sich die Kirche vor Anbiederung: Das Spaß-Angebot in unserer Gesellschaft ist groß genug; da müssen sich nicht auch noch Pfarrer tummeln. Entscheidend ist, dass die Kirche Vertrauen zurückgewinnt und glaubwürdig ist. Viele Menschen sind auf der Suche nach geistlicher Orientierung, finden sie in den Pfarreien aber nicht. Verständliche Predigten, zeitgemäße Ansprache in der Glaubensvermittlung, glaubwürdige Mitarbeiter da setzen die Erwartungen an. Es gibt Beispiele, wo Kirche gefragt ist: Begleitung an den Wendepunkten im Leben wie Geburt und Tod, Betreuung von Kranken, Familien- und Lebensberatung, Urlaubsseelsorge und vieles mehr.
Qualität ist wichtiger als Quantität. Vielleicht hilft der Rückgang der gesellschaftspolitischen Bedeutung, dass die Kirchen lebendiger, interessanter und echter werden. Dann hätten sinkende Mitgliederzahlen auch etwas Gutes.
