Der Rücktritt erfolgte selten spontan und selbstkritisch. Zugleich war er unabwendbar. Der Ausflug des Bundesumweltministers Norbert Röttgen in die Landespolitik endete in Nordrhein-Westfalen desaströs. Vom Tag seiner überraschenden Kandidatur für NRW-Vorsitz und Spitzenkandidatur an fremdelten die Menschen mit dem Kandidaten und der Kandidat mit der Mentalität an Rhein und Ruhr. Es passte nichts zusammen: Ein Bewerber mit Rückfahrtschein in der Tasche, ein Programm, das kaum jemanden interessierte in einer Sprache, die nur wenige verstanden. Das schlechteste CDU-Landtagswahlergebnis aller Zeiten in NRW hat nicht nur einen Hoffnungsträger entzaubert, sondern womöglich weitreichende Folgen.
Der Gegenentwurf zu Röttgen ist Hannelore Kraft, deren mütterliche Art und kumpelhaftes Auftreten die SPD in lange nicht erlebte Höhen führte. Ein Wahlkampf weitgehend inhaltsfrei, aber mit griffigen Bildern und Parolen (SPD ist Currywurst), vermag die Menschen an Rhein und Ruhr immer noch besser zu unterhalten als eine dröge, wenngleich bitter nötige Debatte über die dramatische Verschuldung der Kommunen. Zumal die Kritiker auch nicht wissen, wie es weitergeht. Dann schon eher nach dem Motto: Feiern bis die Insolvenz kommt.
Besonderen Grund zum Feiern hat Christian Lindner, der seine totgesagte Partei wiedererweckte. Angetreten bei Umfragewerten von zwei Prozent, bescherten ihm die Wähler sogar ein besseres Ergebnis als vor zwei Jahren. Kubicki in Kiel und Lindner in Düsseldorf beweisen, dass es auch bei den Liberalen auf die richtigen Kandidaten ankommt und sich Wahlkampf lohnt wenn man ihn kann.
Die Grünen haben gekämpft und sind mit stabilem Zuspruch belohnt worden. Trotz der Piratenpartei, die in ihren Gewässern erfolgreich nach Stimmen fischt.
Die Politikneulinge haben sich in kürzester Zeit als Sammlungsbecken für Unzufriedene und junge Nichtwähler etabliert und dabei, so ganz nebenbei, die Linke in die Bedeutungslosigkeit verbannt. Deren West-Invasion scheint gestoppt, sie wird wieder zu dem, was sie einst war: Hort der notorischen Ex-SED-Anhänger im Osten. Mit Spannung wird deshalb der für Dienstag geplante Auftritt Oskar Lafontaines vor der Parteiführung erwartet. Die Ankündigung einer möglichen Rückkehr in die Bundespolitik (die wievielte eigentlich?) wird dort von nicht wenigen Genossen als Drohung verstanden.
Die Spitzenkandidatinnen von Rot und Grün, Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann, müssen nun beweisen, dass sie das bevölkerungsreichste Bundesland nicht nur mit wechselnden Mehrheiten regieren, sondern es auch in die Zukunft führen können. Wie das angesichts eines erdrückenden Schuldenbergs gelingen soll, darüber haben beide Parteien im Wahlkampf wenig Worte gemacht. Auf die Taten darf man gespannt sein. Die Liaison von Rot/Grün, die in keinem Bundesland länger zusammen regierte als in NRW, ist aus der Vergangenheit nicht eben bekannt für rigides Sparen und Förderung von Zukunftstechnologien. Auf eine Politik, die auch Langfristkosten kurzsichtiger Gefälligkeiten berücksichtigt, kommt es jetzt aber ebenso an wie auf den Ausbau der Infrastruktur.
Rot und Grün haben eine neue Chance erhalten. Wird sie genutzt, könnte diese Landtagswahl zur Wiedervorlage für Berlin dienen.
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