Oldenburg - „Meine Herren!“ Ein Ausruf des Erschreckens entfährt einem Mitglied der Grünen aus tiefstem Herzen. Minus sechs Prozent weist der erste Zwischenstand auf der Leinwand im Kulturzentrum PFL nach Auszählung von drei Wahlbezirken gegen 19.30 Uhr für seine Partei aus. Minus sechs – das ist das, was die Grünen als schlechtesten Fall der Fälle einkalkuliert hatten.

Und dieses Minus sollte erst der Anfang sein. Mit jedem Zwischenstand wächst der Balken in der Grafik bei den Grünen nach unten. Minus 7 – minus 8 – das Ergebnis kennt nur eine Richtung.

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„Mal sehen“, heißt es zunächst in den Reihen der Grünen-Ratsvertreter. Mal sehen, ob die nächsten ausgezählten Wahlbezirke das Ergebnis nicht nach oben reißen; mal sehen, ob sich die Gewichte nicht zugunsten der Grünen verschieben; mal sehen, ob sich das Desaster nicht doch noch abwenden lässt.

Düster sind am Wahlabend auch die Minen der CDU-Vertreter. Zwar weist die Ergebnisgrafik gleich für das erste Zwischenergebnis ein Plus für die Christdemokraten aus. Doch noch schlechter als vor fünf Jahren abzuschneiden, das hatte die CDU-Führung nicht mal in Albträumen für möglich gehalten.

Im Gegenteil. Einen satten Zugewinn hatte die CDU erhofft: Die reibungslose Kandidatenkür, die vielen jungen Gesichter, der schwungvolle Wahlkampf – ein Plus von weniger als zwei Prozent erscheint in den Augen der CDU viel zu wenig angesichts der tollen Vorarbeit.

Fröhlich schaut Gerhard Vierfuß, einer der Sprecher der AfD-Kreisgruppe Oldenburg/Ammerland, durchs PFL. Seine Partei schafft mühelos den Sprung in den Rat. Doch hinter dem fröhlichen Gesicht verbirgt sich Unzufriedenheit. Nur in vier von sechs Wahlbereichen hat die AfD Kandidaten ins Rennen geschickt. In den Wahlbereichen 3 und 6 stand die AfD gar nicht auf dem Stimmzettel.

Und das lag weniger am Fehlen von Kandidaten, als vielmehr an einem organisatorischen Missgeschick, wie Vierfuß bestätigt. Seine Partei hatte es nicht geschafft, genügend Unterschriften für die beiden Bereiche zusammenzutrommeln. Was der AfD im Ammerland dank Internet-Werbung gelang, ging in Oldenburg daneben. Durch fehlende Kandidaten in einem Drittel der Wahlbereiche habe die AfD ungefähr ein Drittel ihres Potenzials in Oldenburg nicht heben können, analysiert Vierfuß selbstkritisch.

Von Selbstkritik ist Christiane Ratjen-Damerau weit entfernt. Dazu hat sie am Sonntagabend keinen Anlass. Die FDP-Vorsitzende und ehemalige Bundestagsabgeordnete sieht einem Mandat im neuen Rat entgegen. „Das tut der Partei gut“, freut sich Ratjen-Damerau.

Als stolze Gewinnerin darf sich die Linke fühlen. Sie legt in allen Zwischenergebnissen zu. Gut gelaunt eilt Fraktionschef Hans-Henning Adler von einem Interview zum nächsten. Ein zusätzlicher Sitz im Rat winkt schon früh am Abend als Lohn für die gewachsene Zustimmung bei den Wählern.

Zufrieden, aber nicht euphorisch verfolgen die SPD-Vertreter den Verlauf der Auszählung. „Eversten ist super“, ruft Fraktionschef Bernd Bischoff, der in Eversten wohnt, und klatscht Beifall, als das Ergebnis für seinen Wahlbereich eintrifft. Zwar haben die Roten Stimmen verloren, doch insgesamt ist das Ergebnis stabil – und die SPD bleibt trotz drohendem Sitz-Verlust stärkste Kraft im Rat. Mehr Freude als über das eigene Ergebnis lässt der eine oder andere am Abschneiden der Grünen erkennen.

Ein wichtiges Ergebnis verkündet der stellvertretende Wahlleiter Ralph Wilken am Abend gleich mehrfach: Die Wahlbeteiligung liegt bei über 50 Prozent und damit ist sie besser als vor fünf Jahren. Vor allem die Briefwahl-Beteiligung ist um 50 Prozent gegenüber 2011 gestiegen. Wilken: „Ein schöner Erfolg.“

Christoph Kiefer
Christoph Kiefer Reportage-Redaktion (Chefreporter)