LATHEN/HANNOVER - Der Ortstermin diente der „Augenscheinnahme“. Die Beweiserhebung folgt hinter verschlossenen Türen in Hannover.
Von Thomas Hellmold
LATHEN/HANNOVER - Parlamentarier gelten gemeinhin nicht gerade als ausgewiesene Experten in technischen Fragen. Begrifflichkeiten wie „Handover-Point“, „Rechner-Redundanz“ oder „GPS“ (Global Positioning System) scheinen dem knappen Dutzend Landtagsabgeordneten aber keine Verständnisprobleme zu bereiten. Im Gegenteil, einige von ihnen lassen sich am Mittwoch erst nach mehrfacher Ermahnung aus dem Leitstand der Transrapid-Versuchsanlage (TVE) im emsländischen Lathen drängen – wohl ahnend, dass in dieser Schaltzentrale der Schwebebahntechnik der Schlüssel für die Aufklärung des schrecklichen Unglücks zu finden ist, bei dem am 22. September vergangenen Jahres 23 Menschen starben und zehn Personen verletzt wurden.Die Parlamentarier gehören dem Untersuchungsausschuss an, der die Umstände der Katastrophe und deren Verantwortlichkeiten aufklären soll. Und möglichst Fragen beantworten, die bislang noch nicht beantwortet wurden oder nicht beantwortet werden konnten. Die „Augenscheinnahme“, wie Ausschussvorsitzender Harald Noack (CDU) aus Göttingen den Lokaltermin nennt, wirft aber zunächst auch bei den Ausschussmitgliedern – fünf von der CDU, vier von der SPD und je einer von FDP und Grünen – Fragen auf.
Wie kann es angehen, dass die zwei Fahrdienstleiter im Leitstand an verschiedenen Kontrollpulten arbeiten? Warum leuchten bestimmte Positionslampen nur auf dem einen Monitor auf und auf dem anderen nicht? Hat das „Vier-Augen-Prinzip“ der doppelten Überwachung versagt? Und – vor allem – warum sind die Werkstattwagen der Anlage nicht in das Sprechfunksystem zwischen Leitstand und Transrapidzug eingebunden?
Betriebsleiter Jörg Metzner und TVE-Chef Günter Steinmetz versuchen geduldig, die Fragen zu beantworten – und werden immer wieder mal vom Ausschussvorsitzenden gebremst: In diesem Moment bitte nur allgemeine Auskünfte zur Technik, mahnt Noack. Alle Antworten zum Unglücksablauf sollen und müssen der Zeugenanhörung in nicht öffentlicher Sitzung vorbehalten bleiben.
Weiter geht es ins Freigelände der Anlage. Dort ist der hintere Teil des Unglückszuges aufgebockt. Die Parlamentarier staunen, wie unversehrt der Transrapidwaggon aussieht. Enno Hagenah, Ausschuss-Obmann der Grünen, will den Zug unbedingt inspizieren. Also klettern er und die anderen eine wackelige Leiter hinauf, es gibt offenbar aber nichts Auffälliges zu entdecken.
Dann der letzte Teil der parlamentarischen Augenscheinnahme, die Stelle an der vor vier Monaten das Unglück geschah. Am Stützpfeiler 120 der 32 Kilometer langen Teststrecke war der mit 31 Menschen besetzte Transrapid 08 mit Tempo 170 – bei weitem nicht die Höchstgeschwindigkeit der Magnetbahn – auf einen stehenden Werkstattwagen gerauscht. Der Ausschussvorsitzende Noack bittet um eine Schweigeminute für die Opfer und ist bewegt. „Man sieht hier zwar nichts mehr“, sagt er, aber allein die Vorstellung von dem schrecklichen Ereignis gebiete den höchsten Respekt bei der Aufarbeitung durch den Ausschuss. Ein Seitenhieb auf das wenig respektvolle parteipolitische Getümmel im Landtag, wo sich die Fraktionen zunächst gegenseitig mangelnden Aufklärungswillen vorgehalten hatten.
Das soll nun anders werden. Völlig in der Schwebe ist indes, wann der Fahrbetrieb in Lathen wieder aufgenommen wird. Ursprünglich sollte der neue Transrapid TR 09 von April an auf der Strecke getestet werden.
