LONDON - Die feine englische Art ist das nicht gerade: Im Kampf um den Bürgermeistersessel in der Londoner City Hall haben die beiden großen Parteien erneut zwei charismatische Streithähne aufeinandergehetzt. Und weder der konservative Amtsinhaber Boris Johnson noch Labour-Rebell Ken Livingstone lassen sich lumpen.
Drei Wochen vor der Abstimmung am 3. Mai ist der Wahlkampf an der Themse so schmutzig wie selten zuvor. Erst am Mittwochabend gerieten sich die Kontrahenten bei einem Schlagabtausch in einem Gebetshaus in die Haare. Ein Stück wie aus dem Polit-Tollhaus.
Livingstone ist ein alter Recke der Londoner Kommunalpolitik. Schon 1981 war er Spitzenbeamter im damaligen Stadtrat, bevor Margaret Thatcher den Stachel im Fleisch ihrer Tories kurzerhand beseitigte. Sie schaffte 1986 das ganze Gremium ab. Zuvor hatte Livingstone auf dem Rathausdach publikumswirksam die aktuellen Arbeitslosenzahlen verkünden lassen. Als im Jahr 2000 die Greater London Authority mit einem echten Bürgermeister geschaffen wurde, war der „rote Ken“ plötzlich wieder da.
Der Mann vom linken Labour-Flügel gewann die Wahl und die nächste 2004 gleich wieder. 2008 schließlich verlor er gegen Senkrechtstarter Boris Johnson. Schon damals umschrieben Zeitungen den Wahlkampf mit „Das Duell der Clowns“.
Die Niederlage hat der Sozialist nie verwunden. Jetzt, im Alter von 66 Jahren, will es der Sohn einer Tänzerin und eines schottischen Kapitäns noch einmal wissen. Sein großer Vorteil: Sie gut wie er kennt kaum ein Zweiter die Acht-Millionen-Metropole und ihre kommunalpolitischen Verwicklungen.
Die „Sunday Times“ zerrte allerdings eine für Livingstone unangenehme Tatsache ans Licht. Livingstone versteuerte im Jahr 2009 nicht seine vollen Einkünfte, sondern fand offenbar über ein raffiniertes Modell Möglichkeiten, nur die Dividende dem Finanzamt zu melden, die er über eine mit seiner Frau gegründete Firma bekam. Statt der als Einkommen versteuerten gut 21 000 Pfund verdiente er durch Dinner-Reden und andere Aktivitäten laut Johnson mehr als 230 000 Pfund. „Champagner-Sozialist“ wurde er deswegen genannt.
In Umfragen fiel Livingstone deutlich zurück. Sechs Punkte lag er zuletzt hinter dem rund 20 Jahre jüngeren Johnson. Der lässt sich seine Nebentätigkeit als Kolumnist der Zeitung „Sunday Telegraph“ mit 250 000 Pfund bezahlen – das Zehnfache des jährlichen Durchschnittseinkommens der Engländer. Aber sauber versteuert.
