Oldenburg - Ich saß an einem großen viereckigen Tisch, an der Wand war eine Tafel.
Das hat mich an die Schule früher erinnert. Ich schaute in die Runde.
Da saßen sechs Personen. Sie sahen auf die Zettel, die vor ihnen lagen.
Die Lehrerin, die mir kurz zuvor das Du angeboten hatte, stellte uns einander vor.
Ich war sehr aufgeregt und konnte meine Tränen nicht verbergen. Es war ganz merkwürdig, ich habe mich meiner Tränen nicht geschämt. Ich wollte sie auch gar nicht verbergen, ich hatte nicht einmal darüber nachgedacht.
Es war alles so unwirklich und doch so vertraut. Unwirklich, weil Erwachsene da saßen und vorlasen wie kleine Kinder. Vertraut, weil ich zu dieser Zeit auch gelesen habe wie ein Kleinkind.
Ich hatte mir so sehr gewünscht, noch einmal zur Schule gehen zu dürfen, doch dieser Wunsch wurde nie von mir ausgesprochen, eher behütet wie ein Geheimnis im Tiefsten meines Inneren.
Doch meine Lebensumstände haben das Geheimnis an die Oberfläche gebracht. Nun saß ich hier, nach fast 30 Jahren, wieder in einer Schule.
Neben mir las Heiko langsam Buchstabe für Buchstabe aneinandergereiht.
Er war mit seinen 47 Jahren noch zwei Jahre älter als ich. Wenn er nicht weiter konnte, hat die Lehrerin ihm mit ruhiger Stimme weiter geholfen.
Ich war überrascht. Die anderen konnten ja noch weniger als ich. Bis dahin war ich überzeugt davon, dass ich im ganzen Land die einzige erwachsene Person bin, die nicht richtig lesen und schreiben kann.
Ich glaube, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben alle meine Muskeln im Körper gespürt habe, denn ich konnte fühlen, wie sich alles in mir entspannte. Das war ein unglaubliches Gefühl. Die anderen können ja genau wie ich nicht gut lernen und keiner lacht den anderen aus. Keiner war traurig. Es herrschte eher eine fröhliche und gelöste Atmosphäre. Ich war erleichtert und es fühlte sich an wie „ich bin zuhause, ich bin endlich angekommen“. Die Tränen habe ich einfach laufen gelassen. Keiner hat mich darauf angesprochen. Es wurde gar nicht beachtet und es war gut so.
Artikel zur ABC-Selbsthilfegruppe Oldenburg: Mit dem Lesen beginnt ein neues Leben
Alle schenkten mir ihr Vertrauen, denn einer nach dem anderen hat auf seine Weise vorgelesen. Zwischendurch wurde gelacht und gescherzt und auch mir wurde ein Lächeln geschenkt.
Ich bin angekommen, dachte ich. Endlich bin ich hier, wovon ich immer geträumt hatte. Es war Wirklichkeit geworden. Der ganze Druck, die unend-liche Scham, all die Hemmungen und Verletzungen, die Peinlichkeiten und der Seelenschmerz waren von mir gewichen in dieser ersten Stunde meines neuen Lebens. Ich habe gewusst, dass hier etwas ganz Großes für mich beginnt. Da war ich mir sicher.
