Oldenburg - Noch heute kann sich Dr. Rolf Rickhey (91) an viele Details eines Prozesses erinnern, in dem 1966 zwei Nazi-Schergen in Oldenburg vom Landgericht zu lebenslang Zuchthaus verurteilt worden waren. Vorgeworfen wurde ihnen gemeinschaftlicher Mord an mindestens 6000 Menschen. Rickhey, vor seiner Pensionierung Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht, hält diesen Mordprozess „für einen der spektakulärsten, den es je in Oldenburg vor einer Kammer gegeben hat“. Aufgeklärt werden sollte die systematische Ermordung von Juden im heute ukrainischen Kowel, das von 1941 bis 1944 von Deutschen besetzt war.

Rickhey, damals Richter in diesem Prozess, ist auch einer jener Augenzeugen, die in dem neuen Dokumentarfilm des Oldenburger Vereins Werkstattfilm über diesen Prozess zu Wort kommen. Wie Vorsitzender Ali Farschid Zahedi am Donnerstag während einer Pressekonferenz erläuterte, habe man erst 2011 festgestellt, dass die Prozessakten im Staatsarchiv lagerten. Zuvor dienten ihm u.a. Berichte der Nordwest-Zeitung als Forschungsgrundlage. „Wir haben inzwischen mit Augenzeugen und deren Nachkommen in Israel und der Ukraine gesprochen.“ Dutzende Stunden Film und 35 Aktenordner zeugen davon.

Prozessauftakt war der 23. August vor 50 Jahren, erst 126 Tage später wurde das Urteil gesprochen. Warum gerade er als Richter ausgewählt worden war, darüber kann Rickhey nur mutmaßen: Zum einen habe er eine große Klappe gehabt, zum anderen bis dahin nur Zivilsachen bearbeitet. Möglicherweise sah man darin nicht eben einen Nachteil für die Täter. Nur wenige Juristen waren in jenen Jahren als Nazi-Jäger bekannt wie Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903-1968), der mit dem Aufrollen der Auschwitz-Prozesse Geschichte schrieb.

Auf der Anklagebank in Oldenburg saßen 1965 der ehemalige Gebietskommissar von Kowel, Erich Kassner, und der frühere Gendarmeriemeister Fritz Manthei. Sozialdemokrat Kassner lebte damals in Cloppenburg, daher kam der Prozess nach Oldenburg. Rickhey erinnert sich daran, dass beide noch völlig in der Nazi-Ideologie und Sprache verhaftet waren. Besonders schmerzlich sei das auch für Zeugen gewesen, von denen viele unter Tränen aussagten, schließlich ging es um Massenerschießungen und Hinrichtungen von Tausenden von Juden. 1939 lebten in Kowel 17000 Juden, die die Nazis in zwei Ghettos pferchten und im Sommer 1942 umbrachten. Kassner etwa erschoss laut Zeugenaussagen zwei Rabbiner auf offener Straße.

Besonders berührt hat Rickhey auch das Schicksal zweier Frauen, die als Zwangsgeliebte Mantheys in jenen Jahren mit ihm leben mussten. Eine sei aus Buenos Aires zum Prozess gekommen, die andere aus den USA. „Beide Ehemänner trennten sich nach deren Aussagen im Prozess von ihren Frauen.“ Dora Gudis, Freundin dieser Frauen, haben Werkstattfilm-Vorsitzender Ali F. Zahedi und Mitstreiter in Israel interviewt.

Mantheis lebenslängliche Haftstrafe wurde übrigens 1970 vom damaligen niedersächsischen Ministerpräsident Alfred Kubel (SPD) umgewandelt. Er wurde am 31. Oktober 1970 entlassen und starb zwei Jahre später.

Erich Kassners Strafe wurde zwischen 1978 und 1986 unter Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) gemildert und 1981 erlassen. Kassners Spur verliert sich laut Werkstattfilm 1984 in Süddeutschland.

„Wir wollen die vielen Fäden aufzeigen, die von diesem Geschehen in der Ukraine zu dem Prozess und nach Oldenburg führen“, erläutert Zahedi, der vergeblich um finanzielle Unterstützung für dieses Projekt geworben hat.