Hannover/Ankara - Regiert der rabiate türkische Präsident Erdogan demnächst in die niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM), der Aufsichtsbehörde für den Privatfunk, hinein? Tatsächlich erhalten Muslime in der neuen, am 1. September konstituierenden NLM-Versammlung, dem obersten Beschluss-Organ, einen Sitz. Das sieht das von Rot/Grün beschlossene neue Mediengesetz vor. Nicht ausgeschlossen, dass der Sitz an DITIB geht, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. – oder auf Türkisch: Diyanet Isleri Türk Islam Birligi.

DITIB untersteht der direkten Kontrolle und Aufsicht der türkischen Behörde für Religiöse Angelegenheiten, die wiederum direkt dem Ministerpräsidentenamt unterstellt ist. Der deutsche Moschee-Verein mit Hauptsitz in Köln-Ehrenfeld gilt als religiös-konservativ ausgerichtet im Sinne des in der Türkei dominierenden sunnitischen Islams.

Wie viele Muslime genau DITIB in Niedersachsen repräsentiert, ist höchst umstritten. Seriöse Schätzungen gehen von etwa 20 Prozent der bis zu 350 000 Muslime in Niedersachsen aus. DITIB spricht von 70 Prozent – und wurde deshalb auch als Partner für einen Islam-Vertrag von der Landesregierung auserkoren. Aber selbst die Staatskanzlei verfügt über keine gesicherten Erkenntnisse.

DITIB kümmert sich vor allem um Religionsunterricht, Kurse, Gebetsstätten, den Bau und den Betrieb von Moscheen sowie die geistliche Betreuung muslimischer Häftlinge in niedersächsischen Gefängnissen. Grundlage ist eine Einigung mit dem Justizministerium. Ein Schwerpunkt liegt beim Einsatz von Imamen, die von der türkischen Regierung nach Deutschland geschickt und auch bezahlt werden.

Daran entzündet sich starke Kritik. Die Imame gelten oft als sehr konservativ bis fundamental, können vielfach kein Deutsch und besitzen keinerlei Kenntnisse vom Gastland.

Das führt oftmals zu radikalen Tendenzen. So berichteten die FAZ und die TV-Sendung Report München erst kürzlich, dass radikale Islamisten in DITIB-Moscheen äußerst aktiv seien. Danach posierte beispielsweise auf einem Foto ein Vorstandsmitglied von DITIB Dinslaken, einer Hochburg von Salafisten und Anhängern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), mit ausgestrecktem Zeigefinger in der Pose von IS-Kämpfern.

In der Landesmedienanstalt müssen sich Muslime den neuen Einfluss jedoch mit anderen teilen. Auch Schwule und Lesben, Umweltverbände, Verbraucher, Flüchtlingsrat oder der Kinderschutzbund erhalten eine Stimme in der NLM-Versammlung. Rot/Grün hat das Kontrollgremium aufgebläht von 26 auf 38 Mitglieder. Und den einen Sitz müssen sich die Muslimverbände DITIB, die liberalen Muslime in der „Schura“ und die weltlichen Aleviten nochmals teilen. Einvernehmlich. Daran haben Beobachter jedoch Zweifel.