NEU DELHI - Pakistan bemüht sich, die Spuren Osama bin Ladens zu tilgen. Im Fe­bruar machten schwere Maschinen das Anwesen des Al-Kaida-Chefs in der nordpakistanischen Garnisonsstadt Abbottabad, wo der meistgesuchte Terrorist der Welt in der Nachbarschaft der Armee untertauchen konnte, dem Erdboden gleich. Noch vor dem ersten Jahrestag der Tötung Bin Ladens am 2. Mai sollten seine Witwen, Kinder und Enkel in ihre Heimatländer Saudi-Arabien und Jemen abgeschoben werden. Doch den Fluch Bin Ladens wird Pakistan mit Bulldozern und Deportationen nicht los.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatte das Taliban-Regime in Kabul Bin Laden nicht ausliefern wollen. Als die USA daraufhin in Afghanistan einmarschierten, floh der Al-Kaida-Chef. Fast zehn Jahre lang blieb die Suche nach ihm erfolglos. Pakistans Regierung und Armee dementierten Gerüchte, Bin Laden habe in der südasiatischen Atommacht Zuflucht gefunden. Schließlich fanden die Amerikaner eine Spur, sie führte nach Abbottabad.

Mit einer vorgetäuschten Polio-Vorsorgeaktion in Abbottabad soll ein pakistanischer Amtsarzt den Amerikanern geholfen haben, an DNA-Proben der Familie zu kommen. Er wurde inzwischen entlassen, ihm droht in seiner Heimat ein Verfahren wegen Landesverrats.

In der Nacht zum 2. Mai vergangenen Jahres starteten US-Spezialkräfte der Navy-Seals in zwei Tarnkappen-Hubschraubern von Afghanistan aus. Unbemerkt drangen sie in pakistanischen Luftraum ein. 40 Minuten dauerte die Operation am Anwesen Bin Ladens, die US-Präsident Barack Obama im Weißen Haus live mitverfolgte.

Die Soldaten erschossen fünf Menschen, darunter neben Bin Laden einen Sohn des Al-Kaida-Chefs. Bin Ladens Leiche wurde auf einen US-Flugzeugträger geflogen und an einer unbekannten Stelle im Arabischen Meer versenkt. Die Amerikaner feierten den Tod ihres Staatsfeindes Nummer Eins. Die Welt sei ein besserer Ort geworden, sagte Obama damals.

Die Pakistaner dagegen, offiziell Verbündete der USA im Anti-Terror-Kampf, waren empört. Washington hatte Regierung und Armee vorab nicht informiert. Seit Jahren wird besonders dem Militärgeheimdienst ISI vorgeworfen, ein doppeltes Spiel zu spielen und heimlich Terroristen zu unterstützen. Dass Bin Laden jahrelang im Land untertauchen konnte, nährte den Verdacht. Auch wenn Pakistan verkündete, man habe von Bin Ladens Aufenthaltsort nichts gewusst: Das bereits beschädigte Image war nun gänzlich ruiniert, und in absehbarer Zeit wird der Schaden kaum behoben werden.