Hannover - Ganz gleich, ob Gewaltexzesse in Gefängnissen, Vergewaltigung in der Ehe oder Amokläufe an Schulen: Wenn es um die Einordnung von Verbrechen geht, ist Christian Pfeiffer seit Jahrzehnten ein gefragter Gesprächspartner. An diesem Mittwoch wird der 71-Jährige als Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) verabschiedet.
Jedoch kann man sich den hageren Juristen nicht auf der Liege eines Kreuzfahrtschiffes vorstellen. Pfeiffer arbeitet weiter, denn er hat eine Mission: Der Wissenschaftler kämpft jetzt in den USA für gewaltfreie Erziehung.
Sein Ziel ist, in mindestens einem US-Bundesstaat ein Züchtigungsverbot durchzusetzen, ähnlich dem deutschen Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung. 70 Prozent der Amerikaner seien für das Schlagen von Kindern, empört sich der Forscher auf Heimatbesuch in seinem Büro im KFN in Hannover. In 19 US-Bundesstaaten dürften Lehrer ihre Schüler züchtigen. Pfeiffer plant eine Kampagne für gewaltfreie Erziehung und will diese mit einer neuen Studie untermauern. Dazu verlängert er seine Gastprofessur am John Jay College der City University New York.
Mit seinen zugespitzten Thesen eckt Pfeiffer manchmal an. Vor zwei Jahren scheiterte die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche, mit dem die Bischofskonferenz das KFN beauftragt hatte. Die Bischöfe kündigten den Vertrag nach Streit um die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen. „Das war der größte Ärger, den ich je hatte“, sagt Pfeiffer heute. Die Kirche habe aber aus ihren Fehlern gelernt, der Skandal werde jetzt von Kollegen „ohne Zensur“ untersucht.
Wenn Pfeiffer zurückblickt, sieht er aber weit mehr Erfolge als Niederlagen. Die Gewaltkriminalität geht in Deutschland drastisch zurück. Das Gewaltschutzgesetz ermöglicht es seit 2002, prügelnde Ehemänner oder Ex-Partner in die Schranken zu weisen. „Der Staat hat die Mitverantwortung für das innerfamiliäre Leben übernommen“, sagt der frühere niedersächsische Justizminister, der SPD-Mitglied ist.
Als größten Erfolg verbucht der Kriminologe die Gründung der ersten deutschen Bürgerstiftung 1997 in Hannover. „Das ist eine Idee, die ich von Freunden aus New York mitgebracht habe.“ Inzwischen gibt es bundesweit mehr als 300 Stiftungen dieser Art. Sie kümmern sich meist um Kinder und Jugendliche und engagieren sich unter anderem in der Kultur, im Sozialen oder im Sport.
