Anschläge auf Gedenkstätten nehmen zu. Die Oldenburger Landtagsabgeordnete Lena Nzume (Grüne) hat eine klare Position.

Frau Nzume, es mehren sich Anschläge auf Gedenkstätten. Müssen diese besser geschützt werden?

NzumeDie Frage ist schwer zu beantworten. Gedenkstätten sind Orte der Erinnerung und sollten frei zugänglich sein. Die Anschläge, wie etwa die Hakenkreuz-Schmierereien in Hannover-Ahlem oder Oldenburg, nehmen wir gleichwohl als Warnsignal wahr. Denn die Form des Diskurses hat sich deutlich verschoben. Ich meine: Angriffe auf die Gedenkstätten sind Angriffe auf unsere Demokratie.

Sprecherin für Gedenkstätten

Lena Nzume (Grüne) aus Oldenburg ist seit 2022 Mitglied des Niedersächsischen Landtags. In ihrer Fraktion ist die 43-Jährige Sprecherin für Bildungspolitik (Diversität und Inklusion an Schulen, Lehrkräftebildung, Berufsbildende Schulen), Gedenkstätten, Ausbildung und Arbeit. An diesem Mittwoch wird Nzume im Landtag während der „Aktuellen Stunde“ zu den Angriffen auf Gedenkstätten sprechen.

Was muss getan werden, um die Erinnerung wachzuhalten? Mehr Pflichtprogramme für Schulen?

NzumeGedenkstätten sind schon heute wichtige außerschulische Lernorte. Altersangemessen sollte es frühzeitig eine Auseinandersetzung mit der Geschichte stattfinden. Gleichzeitig müssen wir die Gedenkstätten unterstützen bei der Schulung der Mitarbeitenden. Denn eine gute pädagogische Vermittlung ist außerordentlich wichtig.

Gibt es Themen, die noch zu kurz kommen?

NzumeDie Diversität spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Die Gedenkstätten haben sich auf den Weg gemacht, die verschiedenen Opferperspektiven stärker zu beleuchten sowie angesichts der diversen/vielfältigen Schüler*innenschaft auch andere Zugänge oder Vermittlungsansätze zu ermöglichen. Leider wird immer noch die koloniale Geschichte Deutschlands heruntergespielt und selten thematisiert. Es ist mir sehr wichtig, hier noch mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Gibt es auch in unserer Region Nachholbedarf?

NzumeIn Oldenburg haben wir bereits einen Arbeitskreis, der sich mit den kolonialen Spuren in Oldenburg beschäftigt. Gemeinsam mit dem Museum wurde sich z.B. mit den Sammlungsbeständen beschäftigt, die während des Kolonialismus beschafft worden sind. Aber hier steht das Engagement einzelner Personen im Vordergrund. Ich meine, wir sollten in Niedersachsen eine Gesamtstrategie zur Erinnerungspolitik entwickeln, die eine kritische Aufarbeitung der NS-Zeit sowie der kolonialen Geschichte und ihrer Folgen umfasst. Hierbei müssen auch Aspekte wie Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Demokratiegeschichte einbezogen werden. Spannend ist in diesem Zusammenhang das Projekt „Umgekehrte Sammlungsgeschichte“ der Berliner Forscherin Dr. Bénédicte Savoy, das von Afrika ausgehend einen Perspektivwechsel vollzieht und nach dem Verbleib des materiellen Erbes fragt.

Brauchen wir mehr Gedenkstätten?

NzumeJa, es gibt sehr viele kleine Initiativen, die vom Land unterstützt werden sollten. Es ist Aufgabe der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, dieses zivilgesellschaftliche Engagement zu fördern. Wir greifen im Plenum des Landtags das Thema an diesem Mittwoch nicht nur wegen der Schmierereien an Gedenkstätten auf, sondern um ihre Bedeutung als Lernorte für eine vielfältige und menschenwürdige Demokratie hervorzuheben. Sie ermöglichen ein „Lernen aus der Geschichte für die Gegenwart“ und das ist für eine kritische Erinnerungskultur unverzichtbar. Deshalb brauchen wir auch eine Unterstützung unserer Gedenkstätten, die nachhaltig ist.

Stefan Idel
Stefan Idel Landespolitischer Korrespondent