Stade - Stade ist mächtig stolz auf seinen alten Hansehafen. Mit dem Drehkran sowie den historischen Häusern rund ums Hafenbecken gilt er als Touristenmagnet. Am modernen Seehafen an der Elbe, vor 50 Jahren in Betrieb genommen, herrscht aber einigermaßen Tristesse, als Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sich im Rahmen seiner Sommerreise das Areal ansieht. Am Kai wird kein Schiff gelöscht; von den rund 2700 Mitarbeitern im Hafenareal sind nur wenige zu sehen. In direkter Nachbarschaft dagegen herrscht rege Bautätigkeit: Für rund eine Milliarde Euro entsteht ein Null-Emmission-Terminal: der Hanseatic Energy Hub (HEH).
Bringen Plakette am Hochspannungsmast an: Ministerpräsident Stephan Weil (links und Tennet-Geschäftsführer Tim Meyerjürgens
Sina Schuldt
Arbeiter bauen die Hochspannungsleitungsmasten auf der Tennet-Baustelle auf. Die Baustelle ist eine Station der Sommerreise von Ministerpräsident Weil (SPD).
Marco Rauch
Er hievte die 800 Kilogramm schwere auf den hohen Strommasten: Paul Rifert (46) vom Hüffermann Krandienst
Stefan Idel
Ein Kran der Wildeshauser Firma Hüffermann steht an der Baustelle von Tennet in Dollern (Kreis Stade).
Stefan idel
Blau-gelbe Schutzkleidung: Ministerpräsident Stephan Weil (2.v.li.) wird von Dow-Präsidentin Julia Schlenz (links) über das Gelände des Chemiekonzerns in Stade geführt.
Stefan Idel
Blick auf die Baustelle für das neue LNG-Terminal in Stade. Allein die Kaimauer soll 650 Meter lang werden.
Stefan idel
Erläuterte die Pläne für den Energy Hub in Stade: HEH-Geschäftsführer Johann Killinger
Stefan idel
Ein Schwimmbagger hält die Fahrrinne der Elbe bei Stade frei.
Stefan Idel
auf die Bautätigkeiten im Hafen in Stade: Ministerpräsident Stephan Weil
Stefan Idel
So soll der Energie-Hub in Stade einmal aussehen, im Hintergrund die beiden 60 Meter hohen Türme für das Abwasser des Chemiekonzerns Dow.
NavosRammschlag im Januar
Nach der Eröffnung des ersten deutschen LNG-Terminals am 17. Dezember 2022 in Wilhelmshaven folgte im Januar der erste Rammschlag für den Bau des zweiten Anlegers für Flüssigerdgas (LNG) in Niedersachsen. Niedersachsen-Ports investiert 300 Millionen Euro in Stade. Es ist das größte Bauprojekt seit Bestehen der Hafengesellschaft. HEH-Geschäftsführer Johann Killinger spricht vor Weil und den Mitreisenden vom „Baukasten-Prinzip“: Terminal, Hafen, Industriepark und Infrastruktur sind so ausgelegt, dass grüne Gase importiert und gleichzeitig der Markthochlauf für den Energieträger Wasserstoff erfolgen kann. In diesem Winter soll das schwimmende Regasifizierungssschiff (FSRU) festmachen. Das FSRU bleibt bis 2027; dann nimmt in Stade das größte landseitige LNG-Terminal Deutschlands seinen Betrieb auf.
Die Hafenanlagen in Wilhelmshaven und Stade haben eine Gemeinsamkeit: Bei beiden Projekten musste die niedersächsische Hafengesellschaft N-Ports nicht von vorn anfangen. „Es gab jeweils Planungen und Unterlagen, die wir für die Genehmigungsverfahren nutzen konnten. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass unsere Projektteams in beiden Standorten rund um die Uhr daran gearbeitet haben, die bisherigen Planungen erheblich zu überarbeiten“, so N-Ports-Sprecherin Dörte Schmitz in Oldenburg.
Die Unterschiede: In Wilhelmshaven lag die Baudauer fürs LNG-Terminal bei sechseinhalb Monaten (194 Tage). Für Stade dauert sie voraussichtlich zwölf Monate. In Wilhelmshaven konnten im letzten Jahr die Anschlüsse und Leitungsrohre zeitgleich zu den N-Ports-Baumaßnahmen durch die Uniper erfolgen, da die Umschlagbrücke als Bauwerk bereits vorhanden war. In Stade wird dies nacheinander geschehen, daher werden zwei Termine für die Fertigstellung genannt: Hafeninfrastruktur für die FSRU-Nutzung bis Ende 2023, Fertigstellung des landgestützten LNG-Terminals/Regasifizierungsanlage durch die HEH voraussichtlich 2026.
Die Kosten (nur Infrastruktur) lagen in Wilhelmshaven bei rund 56 Millionen Euro; in Stade sind 300 Mio. Euro geplant. Das Gesamtinvest für den HEH soll bei einer Milliarde Euro liegen.
Zunächst sollen jährlich 50 LNG-Tanker über das FSRU abgefertigt werden. Der Umschlag von 5 Mrd. Kubikmeter Erdgas entspricht 6 Prozent des deutschen Gasverbrauchs. Sobald das landseitige Terminal fertiggestellt ist, soll sich die Menge verdoppeln. 80 Prozent der Kapazitäten seien bereits verkauft, betont Killinger.
Vor allem profitiert der HEH von der Nachbarschaft des Chemie-Riesen Dow. Der benötigt für seine Produktion Salz, das im Aussolungsbetrieb Ohrensen gewonnen wird. Etwa 30.000 Kubikmeter Abwasser fließen pro Stunde in die Elbe. Künftig soll dieses Wasser im LNG-Terminal genutzt werden. Dafür entstehen im 550 Hektar großen Industriepark zwei 60 Meter hohe Tanks mit einem Durchmesser von je 90 Meter. Sie werden die Hafenskyline prägen.
Weil zeigt sich beeindruckt von dem Tempo der Bautätigkeit. „Wir können in Niedersachsen schnell sein.“ Anders als in Wilhelmshaven, wo ein Anleger an der vorhandenen Brücke der Umschlaganlage Voslapper Groden ergänzt wurde, muss der Importanleger in Stade – 650 Meter lang und 200 Meter ins Wasser hereinragend – von Grund auf neu gebaut werden. Für Stade böte sich als Energiehafen „eine riesige Chance“, so Weil. Gemeinsam mit Wilhelmshaven entstehe in Niedersachsen das „Tor zur Energiewende“.
Warnende Worte zur Zukunft des Standortes muss sich der Regierungschef dagegen bei Dow anhören. Der Chemiekonzern gilt mit 7 Terawatt (TW) Stromverbrauch pro Jahr und 8 TWh Gas als einer der größten Energieverbraucher. Deutschlands hoher Strompreis sei derzeit nicht wettbewerbsfähig, sagt Dow-Präsidentin Julia Schlenz unverblümt. Unter diesen Bedingungen könne man der Konzernspitze in Midland (US-Bundesstaat Michigan) kaum empfehlen, in Deutschland zu investieren. Dabei stelle sich Dow ganz auf die Energiewende ein. „Ihr seht hier ein spitzen Fünf-Gänge-Menü“, so Werkleiter Neldes Hovestad vor der Besichtigungstour. „Aber wie kriegen wir das in den nächsten Jahren serviert?“
Weil schlägt für eine Übergangszeit einen Strompreis von 7 Cent pro Kilowattstunde für energieintensive Industrieunternehmen vor. Er wolle nicht, dass Firmen wegen hoher Strompreise in Schwierigkeiten geraten. Gerade das Beispiel Dow in Stade zeige, wie wichtig der Erhalt der Wertschöpfungskette im Bereich Chemie sei. Auf Bundesebene hat Finanzminister Christian Lindner (FDP) Bedenken beim Industriestrompreis. Weil sagt, im zweiten Halbjahr müsse entschieden werden, andernfalls würden die Firmen selbst entscheiden.
Plakette an Strommast
Als zupackend in Sachen Energiewende präsentiert sich Weil auf einer Baustelle des Netzbetreibers Tennet in Dollern bei Stade. Dort schraubt er gemeinsam mit Tennet-Chef Tim Meyerjürgens eine Info-Plakette an einen Leitungsmast. Der hatte gerade eine 800 Kilo schwere Spitze erhalten. Kranführer bei der Aktion ist Paul Riffert (46) aus Stade, der beim Wildeshauser Hüffermann Krandienst beschäftigt ist. „Das dürfte schon meine 50. Mastspitze sein“, erzählt er. Wichtig bei der Aktion seien vor allem die Windverhältnisse.
Derzeit wird die bestehende 220-kV-Leitung zwischen Stade und Landesbergen (Kreis Nienburg/Weser) durch einen 155 Kilometer langen 380-kV-Neubau ersetzt. Weil überreichte Teilprojektleiterin Melanie Mader (35) den 448 Seiten starken Planfeststellungsbeschluss zum Bau des sechsten Abschnitts der Stromtrasse. Sie hat knapp 360 Masten, jeder 65 Meter hoch. Zehn Jahre dauerte die Planung, drei Jahre lang wird noch gebaut. 2026 soll die Stromleitung in Betrieb genommen werden. Sie soll die Übertragungskapazitäten für Windenergie erhöhen und zur Versorgungssicherheit beitragen. Das Leitungsnetz sei „das Rückgrat“ für die Energiewende und bezahlbaren Strom, sagt Meyerjürgens. Tennet hat rund 7400 Mitarbeiter. Mit einem Umsatz von 9,8 Mrd. Euro und einer Bilanzsumme von 41 Mrd. Euro gilt das Unternehmen als einer der größten Investoren in nationale und internationale Stromnetze.
