Der Tierschutzverband will eine Gleichbehandlung der Tierhalter. Das sagt Vorsitzender Dieter Ruhnke
Herr Ruhnke, ist der günstige Erhaltungszustand der „Art“ Wolf schon erreicht?
RuhnkeDas weiß bis heute kein Mensch. Es hängt von der zukünftigen Biotop-Sättigung ab. Das bedeutet: Eine wild lebende Art erobert ein bestimmtes Gebiet. Wenn eine bestimmte Grenze erreicht ist, erfolgt die Abwanderung und die Suche nach eigenen Revieren. Die Fortpflanzung passt sich dem jeweiligen Biotop an.
Dieter Ruhnke ist seit 2015 Vorsitzender des Landestierschutzverbandes Niedersachsen. Der 60-jährige frühere Berufssoldat lebt in Wrestedt, eine Gemeinde in der Lüneburger Heide im Landkreis Uelzen. Der Tierschutz ist ihm eine Herzenssache.
Der Wolf findet bei uns aber einen „gedeckten Tisch“ vor...
RuhnkeDas stimmt. Wildtiere gewöhnen sich an die Kulturlandschaft (Habituierung) und legen ein bestimmtes Verhalten an den Tag. Das ist für den Umgang mit dem Wolf unproblematisch. Das Problem ist aber die „Konditionierung“: Die Nähe des Wolfes zum Menschen wird hierbei bewusst konditioniert, weil er dort einen Vorteil erlangt. Das wären die ungeschützten Weidetiere oder das Anlocken durch einen „Aufbruch“ im Jagdrevier.
Niedersachsen will bei Tierrissen mit einem abgestuften Verfahren gegen „Problemwölfe“ vorgehen. Innerhalb von 21 Tagen darf das Tier in einem Radius von einem Kilometer um die betroffene Weide geschossen werden. Und es soll eine Ausnahmeregelung für Gebiete mit hohen Rissvorkommen geben. Was halten Sie davon?
RuhnkeDer Landestierschutzbund hält nichts davon. Denn es wird nicht sichergestellt, dass wirklich der verhaltensauffällige Wolf entnommen wird oder ein zufällig vorbeiziehendes Einzeltier. Ein Gentest sollte weiterhin Voraussetzung für die Entnahme sein. Außerdem besteht die Gefahr, dass die Elterntiere getötet werden. Durch auseinanderfallende Rudel erhöht sich das Rissverhalten. Die Regelung dient aus unserer Sicht nur dazu, die Weidetierhalter ruhig zu stellen und den Herdenschutz zu umgehen.
Aber das Land stellt doch 7,5 Millionen Euro jährlich für den Herdenschutz zur Verfügung. Reicht das nicht aus?
RuhnkeDas Geld steht nur für Erstanschaffungen, nicht aber für Reparaturen und Ersatzbeschaffungen zur Verfügung. Der Grundschutz, von dem in der Wolfs-Verordnung die Rede ist, wird überhaupt nicht definiert. Man spricht von „zumutbar“. Aber zumutbar ist nicht gleichbedeutend mit technisch möglich.
Wie soll denn der Herdenschutz am Deich funktionieren? Jede Fläche lässt sich nicht einzäunen, oder?
RuhnkeEs geht nicht darum, die ganzen Deiche einzuzäunen, sondern nur einen kleinen Abschnitt, der gerade beweidet wird. Wir wollen eine Gleichbehandlung der Weidetierhalter und keine Bevorzugung derjenigen, die den Herdenschutz vom Grund her ablehnen. Weidetierhalter, die konsequent Herdenschutz anwenden und dadurch einen hohen Aufwand sowie Kosten haben, erleiden gegenüber ihren Kollegen ohne bzw. mit geringem Herdenschutz einen Wettbewerbsnachteil.
Ist der Tierschutzbund an der Erarbeitung der Landesverordnung beteiligt?
RuhnkeJa, wir sitzen im Dialogforum am Tisch und werden unsere Vorschläge einbringen. Wir fordern eine durchgehende wissenschaftliche Begleitung, um den Effekt der Maßnahmen erkennen zu können. Zweitens werden wir ständig darauf pochen: Herdenschutz ist der beste Wolfsschutz! Ein etabliertes Wolfsrudel und konsequenter Herdenschutz reduzieren die Gefahr für die Weidetiere erheblich.
