NIENBURG - „Wir sind eine Partei, die sehr viel mit Kabeln zu tun hat. Also passt auf, wo ihr hintretet“, warnt der Versammlungsleiter die Mitglieder. Fleißige Mitarbeiter wuseln durch den großen Saal im Nienburger Weserschlösschen. Die Organisation trägt rote Shirts, die Technik blaue, die Pressebetreuung gelbe. Die Piratenpartei, die sich anschickt in den Landtag einzuziehen, ist eine kunterbunte Truppe. Das wird auch später bei der Vorstellung der Kandidaten für die Landesliste deutlich.

Doch zunächst muss der Kampf mit der Technik gewonnen werden. Das Mikrofon knackt und rauscht, beim Internetzugang hakt es. „Die Akkreditierung ist da vorne, wir sind nur die Stimmzettel“, wird ein herumirrender Pirat zum nächsten Tisch geschickt. Die Netzpartei kennt keine Delegierten. Wer Lust hat, kommt vorbei.

Die Piraten stünden für eine „ehrliche, offene, transparente Politik ohne Hintertür und Scheuklappen“, ruft Landeschef Andreas Neugebauer den 310 Mitgliedern im Saal zu. „Wir sind nicht koalitionsfähig, weil wir das nicht können, sondern, weil wir nicht wollen“, gibt er die Marschrichtung vor. Bei der Netzpartei, die in Bundesumfragen bei 13 Prozent liegt, geht man fest davon aus, ab 2013 als Fraktion im Landtag zu sitzen.

Die für einen Parteitag teilweise ungewöhnlichen Regularien werden zügig durchgezogen. Vom Podium wird erklärt, wie man eine Debatte führt: Wortmeldung eine Hand heben, Geschäftsordnung beide Hände hoch. Zwei Mitglieder stimmen gegen die Anwesenheit der Presse, was für einiges Kopfschütteln sorgt.

Auf einer Leinwand können alle sehen, was im Saal so getwittert wird. Das reicht von Banalitäten wie „Du hast die Haare schön“ oder „Die Technik bestellt Pizza“ bis hin zu Anfeindungen wie „Das ist nicht mein Kandidat“ oder „Inhalte überwinden und im Landtag abkassieren wollen.“

Unter den 37 Bewerbern für Listenplatz eins sind nur zwei Frauen, aber auch zwei Oldenburger: Gilbert Oltmanns und Jörg Kunze. „Elf Oldenburger auf dem Parteitag, nicht schlecht. Wir rocken und haben zwei Kandidaten“, wird dazu getwittert. Die große Mehrheit kommt aus der Region Hannover. Kunze will Kungeleien in Hinterzimmern beenden, Oltmanns dafür sorgen, dass sich kein Piraten-Abgeordneter auf die faule Haut legt. Beide haben am Ende keine Chance.

Die Vorstellung erinnert an eine Casting-Show. „Kandidaten, hört gut zu. Ihr habe drei Minuten, dann wird das Mikro abgeschaltet“, belehrt der Versammlungsleiter. Manche Kandidaten haben so wenig zu sagen, dass eine Minute reicht. Einer liest statt seiner Rede lieber eine Glückskeks-Botschaft vor. Beim anschließenden Kandidaten-Grillen, einer intensiven Befragung, rutscht das Niveau häufig unter die Gürtellinie. Ein Kandidat wird nach Waffenscheinen und seinem Bierkonsum in Kreistagssitzungen befragt. Zwei Bier seien in Ordnung, lautet die lapidare Antwort.

Kandidat Carsten Schulz, der wegen seiner Holocaust-Äußerungen das Direktmandat in Hannover verloren hat, wird heftig angefeindet, zahlt aber mit gleicher Münze zurück und wirft dem Landesvorstand undemokratisches Verhalten vor.

Nach einer stundenlangen Auszählung haben zwei Kandidaten die gleiche Stimmenzahl. Favorit Christian Koch zieht allerdings nach kurzer Beratung zurück – und so führt jetzt der Schatzmeister der Partei, Meinhart Ramaswamy, die Piraten in die Wahl. Der 58-jährige Göttinger gibt als Wahlziel Sechs plus X aus. „Pirat kommt von dem Wort angreifen und das werden wir tun“, sagt der Sohn einer Deutschen und eines Inders. „Ich hoffe, dass wir der Versuchung der Macht widerstehen“, will Ramaswamy nichts vom Regieren wissen. Die Wahl der weiteren Listenplätze dauerte bis zum Sonntagabend, weil teilweise mehrfach ausgezählt werden muss.