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Weihnachtspost Der Nikolaus schreibt jeden Tag

Anna Zacharias

NIKOLAUSDORF - Andrea Backhaus (43) beugt sich mit zusammengekniffenen Augen über den gerade geöffneten Brief. „Tja. Alles auf Russisch“, sagt sie. In Nikolausdorf im Landkreis Cloppenburg kommen Kinderwünsche aus der ganzen Welt an. „Wer will den aus Hongkong haben?“ ruft Hubert Weddehage (57) durch den weihnachtlich geschmückten Raum im Jugendheim, in dem er und seine ehrenamtlichen Helfer jetzt jeden Abend bis zum Fest zwei Stunden lang Briefe beantworten werden. „Bis zu 8000 sind es jedes Jahr“, sagt Weddehage.

An dem langen Holztisch im „Nikolausbüro“ sitzen zehn junge Helfer. In der Mitte türmen sich die Briefe, die ersten sind schon im Juli angekommen. Der erleuchtete Weihnachtsbaum verbreitet festliche Stimmung, es duftet nach Nadelholz. „Guck mal, ist das ein Mädchen- oder ein Jungenname?“ – Andrea Backhaus ist noch immer mit dem Brief aus Russland beschäftigt, der aufwendig mit gemalten Sternchen und Weihnachtsmännern verziert ist.

Russisch-Übersetzer – damit können die Helfer vom Nikolaus leider nicht dienen. Mit einem kleinen Messer öffnet Backhaus den nächsten Brief. Der einzige Text, der dort eine Seite lang zu lesen ist, besteht aus Bestellnummern eines Lego-Katalogs.

Briefe täglich abgeholt

„Was deine Wünsche angeht, drücke ich dir natürlich die Daumen, sei aber bitte nicht traurig, wenn sie nicht alle in Erfüllung gehen“, steht in dem ausführlichen Standard-Brief, den die meisten Kinder bekommen. „Wenn wir jedem persönlich antworten würden, säßen wir wirklich rund um die Uhr hier“, sagt Backhaus.

Die Antwortbriefe werden täglich vom Postboten abgeholt, der gleich die nächste Fuhre mitbringt. In Cloppenburg werden sie von der Post mit der Nikolaus-Briefmarke und einem Sonderstempel versehen. Pünktlich zum Nikolaus soll die erste Post bei den Kindern angekommen sein, danach grüßt der Nikolaus jeden Tag.

„Die Wünsche der Kinder haben sich verändert“, erzählt Hubert Weddehage, der seit 41 Jahren als Nikolaus Briefe beantwortet. „Früher haben sich viele Puppen und Teddys gewünscht, vielleicht auch mal Lego. Dann kamen Computer und Spielekonsolen. Einmal haben wir die Warenwerte eines Wunschzettels addiert – das ergab eine Summe über 10 000 Euro“, sagt Weddehage. Aber dazwischen gebe es auch immer noch die, die sich einfach nur Schokolade wünschen. Wie der Nikolaus sieht der 57-jährige Steuerberater mit dem grauen Pullover und der bräunlichen Hose eigentlich nicht aus. Aber er ist mit Überzeugung bei der Sache. „Die Motivation kommt ganz automatisch, wenn die Zeit da ist. Und ich finde es auch nett, mit den jungen Leuten hier zu sitzen“, sagt er.

„Ich wünsche mir, dass Opa wieder gesund wird und Weihnachten bei uns feiert“, schreibt die siebenjährige Maja. Ihr will Andrea Backhaus einen persönlichen Brief zurückschreiben. „Das geht einem manchmal schon sehr nah, wenn Kinder von Schicksalsschlägen schreiben. Manche Eltern sind arbeitslos und können die Wünsche der Kinder nicht erfüllen. Da kann man nicht helfen, auch wenn man es gerne würde“, sagt sie und presst die Lippen aufeinander.

1965 fing alles an

Angefangen hatte alles mit der Posthalterin Frida Flemming. Sie wollte in den 60er Jahren die vielen Briefe, die Kinder an den Nikolaus im Nikolausdorf richteten – wo sollte er auch sonst wohnen – nicht wegwerfen und fing an, sie zu beantworten. Nach einem Artikel in der Nordwest-Zeitung kamen schließlich Berge von Zuschriften in Nikolausdorf an, und der damalige Schulleiter Johann Kabella gründete das „Nikolausbüro“.

Die Tradition hat gute Zukunftsaussichten. Jörg Weddehage (32) ist Sohn von Hubert Weddehage und Enkel von Josef Weddehage, der das Nikolausbüro in den Anfängen leitete. „Ich habe mit 15 Jahren hier angefangen und sitze seitdem jedes Weihnachten hier, da kommt man gar nicht drum rum“, sagt er, und um seine Augen bilden sich kleine Lachfältchen. Auch er ist Steuerberater und arbeitet mit seinem Vater in einem Büro.

Ein Brief bleibt an diesem ersten Abend unbeantwortet: „Erik für Weihnachtsmann“ steht in krakeliger Kinderschrift auf dem Umschlag. Ein Absender ist nicht angegeben. In solchen Fällen weiß selbst der Nikolaus nicht weiter.

 @ Der Nikolaus ist im Internet unter

http://www.nikolausdorf.de

 ?zeigt einen Beitrag unter

http://www.NWZonline.de/nwztv

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