Die Chemie-Industrie benötigt einen Neustart. Das sagt Verbandsgeschäftsführerin Sarah Saeidy-Nory.

Frau Dr. Saeidy-Nory, IGBCE-Chef Vassiliadis fordert einen breiten Investitionspakt für das Land: mehr Geld für die Beschäftigten, massive Investitionen für die Transformation und niedrige, wettbewerbsfähige Energiepreise. Hat er recht?

Saeidy-NoryZunächst einmal sind die Aussagen von Michael Vassiliadis immer sehr ernst zu nehmen. Unsere Unternehmen investieren schon lange massiv in die Transformation, in Digitalisierung und Effizienzmaßnahmen für den Ausbau klimaneutraler Produktionen sowie in Ausbildung und Qualifizierung ihrer Beschäftigten. Hinsichtlich möglicher Entgeltsteigerungen möchte ich der bevorstehenden Chemie-Tarifrunde 2024 nicht vorgreifen. Nur soviel zu den Rahmenbedingungen aus unserer Sicht: Die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland befindet sich aufgrund der schwachen Entwicklung der Weltwirtschaft und wegen struktureller Nachteile des Standorts weiterhin in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Situation. Die Produktion ist 2023 um acht Prozent geschrumpft. Der Branchenumsatz liegt mit minus 12 Prozent noch tiefer in den roten Zahlen. Was wir dringend benötigen, ist eine Entfesselung der Wirtschaft von den erdrückenden bürokratischen Lasten sowie eine massive Beschleunigung von Genehmigungsverfahren. In der jetzigen Situation müssen wir besonders darauf achten, die kleinen und mittelständischen Unternehmen nicht noch weiter zu belasten. Damit unsere Unternehmen im internationalen Wettbewerb auch weiterhin bestehen können, benötigen sie unbedingt eine verlässliche und nachhaltige Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Energiepreisen. Dafür haben die IGBCE und wir im letzten Jahr Seite an Seite gekämpft und tun dies auch weiterhin. Das alles sind wichtige Voraussetzungen für den Neustart der Industrie.

Seit Anfang 2023 Geschäftsführerin bei Chemie-Nord

Dr. Sarah Saeidy-Nory (45) ist seit Anfang 2023 Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes Chemie-Nord und Geschäftsführerin des Verbandes der Chemischen Industrie Landesverband Nord (VCI Nord). Die promovierte Juristin war zuvor nach einer Unternehmenstätigkeit knapp 16 Jahre lang für Tarif- und Arbeitsmarktpolitik beim Arbeitgeberverband Hessen-Chemie tätig, zuletzt als Geschäftsführerin Tarif- und Arbeitsmarktpolitik. Dabei zählten neben der Tarifpolitik auch Wirtschaftspolitik, Arbeitswissenschaft, Satzungs- und Mitgliedermanagement zu ihrem Bereich. Dr. Saeidy-Nory engagierte sich als ehrenamtliche Richterin, war Mitglied des Tarifausschusses des Landes Hessen sowie der Tarifkommission des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie (BAVC) und arbeitete rechtspolitisch.

Chemie-Nord ist der Arbeitgeberverband für die chemische Industrie in Norddeutschland. Der Verband vertritt rund 300 Mitgliedsunternehmen mit 68.000 Beschäftigten. Kernaufgaben des Verbandes sind der Abschluss von Tarifverträgen und die arbeitsrechtliche Beratung der Mitgliedsunternehmen. Chemie-Nord unterstützt seine Mitgliedsunternehmen darüber hinaus im Gesundheitsmanagement, beim Ausbildungsmarketing und vertritt die gemeinsamen Interessen seiner Mitgliedsunternehmen gegenüber den Medien, der Öffentlichkeit, der Politik, Behörden, Gewerkschaften, Spitzenverbänden und anderen Organisationen.

Sind Sie enttäuscht, dass der Bund keinen „Brückenstrompreis“ für das energieintensive produzierende Gewerbe auf den Weg gebracht hat?

Saeidy-NoryDie energieintensive Industrie ist unverzichtbar für die gesamte Volkswirtschaft. Sie sichert unmittelbar und mittelbar ca. 2,4 Millionen Arbeitsplätze, 240 Milliarden Euro Wertschöpfung und bringt dem Staat jährliche Einnahmen von ca. 90 Milliarden Euro in die Steuer- und Sozialsysteme. Allein die chemisch-pharmazeutische Industrie steuert mehr als 20 Milliarden Steuern und Abgaben direkt bei. Durch den Beschluss der Bundesregierung ist die dringend benötigte kurzfristige „Brücke“ für energieintensive Unternehmen und damit der energiepolitische Befreiungsschlag bisher leider ausgeblieben. Das beschlossene Energiepaket erhält zum Teil den Status quo, aber selbst das nicht für alle unsere Unternehmen. Die beschlossenen Maßnahmen bringen damit keine der dringend erforderlichen zusätzlichen Entlastungen, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen erhalten würden. Deshalb kommt es nun entscheidend darauf an, welche Ergebnisse der weitere Dialog mit Bund und Ländern im sogenannten Chemiepakt bringt. Unsere Unternehmen warten dringend auf Lösungen durch die Politik.

Die Produktion ist bereits massiv geschrumpft. Schwindet der Glaube an den Standort D?

Saeidy-NoryDie Chemiebranche ist die Schlüsselindustrie für 95 Prozent der Industrieerzeugnisse. Jeder von uns hat täglich mit Produkten zu tun, die es ohne die Chemie- und Pharmaindustrie nicht geben würde und die in ihrem Entstehungsprozess Chemie benötigen. Unsere Produkte gehen beispielsweise in die Pharma-, Lebensmittel-, Automobil-, Gesundheits-, Elektro- oder Energieindustrie. Die chemisch-pharmazeutische Industrie ist der drittgrößte Industriezweig in Deutschland und gehört zu den größten Arbeitgebern. Die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie ist in 2023 noch einmal eingebrochen. Sie lag rund 8 Prozent niedriger als im Jahr zuvor. Und auch 2022 war das Volumen der produzierten Waren bereits um 7 Prozent gesunken. Einen vergleichbaren Rückgang der produzierten Mengen in zwei aufeinander folgenden Jahren hat die Branche noch nicht erlebt. Das Produktionsniveau ist in etwa auf das des Jahres 2005 zurückgefallen, das ist alarmierend! Unsere Unternehmen stemmen sich dennoch mit aller Kraft gegen die Krise. Wir brauchen jetzt dringend einen klaren Fokus auf die notwendigen Rahmenbedingungen für eine wettbewerbsfähige Wirtschaft. Denn Deutschland bleibt ein Standort mit immensem Potenzial. Aber auch andere Länder werben um die Investitionen unserer Unternehmen und der Grundstein für viele Zukunftstechnologien wird schon heute in den USA, China oder anderen Regionen gelegt. Wir benötigen also dringend eine überzeugende Industriepolitik, um da mithalten zu können.

Was schlagen Sie vor, damit Deutschland wieder wettbewerbsfähig wird?

Saeidy-NoryWir brauchen dringend eine klare und verlässliche industriepolitische Agenda. Sie muss neben konkurrenzfähigen Energiepreisen die Themen Bürokratieabbau und Beschleunigung von Genehmigungsverfahren ebenso enthalten wie Innovations- und Investitionsanreize. Gleichzeitig muss das Tempo beim Umbau des Energiesystems und damit beim Stromangebot aus erneuerbaren Energien ausgeweitet werden. Hier sind wir im Norden bereits Vorreiter, das reicht aber nicht aus. Der Ausbau der Netze muss vorangetrieben und es müssen Reservekapazitäten und Energiespeicher geschaffen werden. Ich wünsche mir darüber hinaus mehr Verständnis und vor allem ein klares Bekenntnis zur Notwendigkeit einer starken und resilienten Industrie mit ihren vielfältigen Wertschöpfungsketten sowie mehr Vertrauen in unternehmerische Entscheidungen.

Und warum erkennt das die Ampel-Koalition in Berlin nicht?

Saeidy-NoryIch glaube nicht, dass es in der Bundespolitik ein Erkenntnisproblem gibt. Auf Länderebene gibt es das ohnehin nicht. Derzeit fehlt es aber leider an Mut, die vorhandenen massiven Probleme klar zu beschreiben und gemeinsam an zukunftsfähigen Lösungen zu arbeiten. Insofern bleibt abzuwarten, welche Ergebnisse der Chemiepakt mit sich bringt, an dem gerade fieberhaft gearbeitet wird. Es führt kein Weg daran vorbei, dass die Politik gemeinsam mit uns neu denken muss und wir die richtigen Rahmenbedingungen benötigen, die nur die Politik setzen kann. Denn nur eine wettbewerbsfähige Wirtschaft sichert die Basis für eine nachhaltige Zukunft und ermöglicht zentrale politische Ziele wie Wohlstand, grüne Transformation, Sozialstaat und solide Staatsfinanzen.

Stefan Idel
Stefan Idel Landespolitischer Korrespondent